Einer der Eunuchen muß hinaus. Dem war zwar die Hälfte seines Muthes genommen, doch aber hatte er mehr übrig, wie der Kammerherr. Er gebot, sich zu zerstreuen, aber die feine Stimme eines Eunuchen imponirt nicht genug. Das Volk gehorchte nicht.
Es waren viele vom Divan in den Pallast gekommen. Sie mißbilligten den Auflauf ernst und erinnerten die Sultanin, ihn nicht ungestraft zu lassen. Doch Kukus Befehl muß vollzogen werden, setzten sie hinzu.
In dem Augenblicke ward das Geschrei wilder als je. Flore sah, wie viele Caffern, die in den Pallasthof liefen, um dort Rettung zu finden, vor ihren Augen gemißhandelt wurden, ja man brachte Mustapha sammt Osmann bei den Haaren geschleppt, zog einen Henker, der das Schwert bei sich trug, herzu, und forderte einmüthig den Befehl zur Hinrichtung.
So viel konnte Flore nicht mehr unthätig ansehn. Ihr ganzer, seitdem sie Sultanin von Darkulla hieß, ziemlich angewachsener Stolz, ihre angeborne, mit einer ganz angemessenen Zugabe von Leichtsinn versehene, Kühnheit erwachte. Sie hörte der Räthe Warnung nicht, lief zur Eunuchenwache, die unter dem Gewehr stand, riß dem Obersten die Lanze aus der Hand, und befahl, ihr zu folgen. So stürmte sie unter die Menge, ließ zu Boden strecken was nicht floh, und drang noch eben bis an die beiden unglücklichen Kaufleute hervor, als der Henker schon auf den einen seinen Streich führen wollte. Erwarte mein Gebot! rief sie, und jagte ihm die Lanze durch die Brust.
Etwa Hundert Schwarze waren niedergemacht, als das Volksgewimmel den Platz gereinigt hatte. Nicht die Furcht vor dem Tode wirkte so auf die Darkullaner, wie die unbesiegbare Gewalt des Ansehens, womit Florens Entschlossenheit sich gewaffnet hatte. Die Caffern waren schlimm zugerichtet, doch noch sämmtlich am Leben. Flore trug Sorge für sie. Mustapha und Osmann wurden in den Pallast gebracht. Jenen hatte die Angst seiner Kräfte beraubt, und er mußte getragen werden, dieser aber rief lachend: Schon glaubt ich heute Mahomeds Paradies zu sehn, aber die Thür flog wieder zu.
Die muthige Sultanin glaubte noch nicht genug gethan zu haben. Sie wich nicht von dem Hofe, und schickte dem Volke die Eunuchen nach. Die Sultanin hat euch zerstreut, mußten sie entbieten, jetzt befiehlt sie, daß sich der Haufe schnell wieder zurückbegebe, weil der sechste Mann erwürgt werden soll. Es liegt in der Natur der Kühnheit, sie fluthet in der Uebung an, und dem warmen tapferen Herzen gefällt die Erneuung der Gefahr, um die Lust höheren Triumphs zu gewinnen.
So hatte sie in Fesseln geschlagen, so unterwürfig war das gebändigte Volk, daß sich gleich der Pallasthof wieder anfüllte. In tiefer Stille, mit gebeugtem Haupte erwartete jeder den Wurf der Loose. Es schien kein Einziger zu fehlen da nicht mehr leerer Raum bestand, als zuvor.
Mit Hoheit trat die Sultanin vor den Haufen, und milderte die Strafe der Meuterei. Wer sind die Anstifter? fragte sie. Zwanzig bis dreißig Männer traten hervor. Nicht der Caffern Häupter sende ich dem Sultan, aber die eurigen. Eilt in sein Lager, sie selbst zu überbringen.
Die Männer gingen auf der Stelle ab, und die Uebrigen mußten nach Hause. Die Leichname der Getödteten wurden still verscharrt.
Herrliche Fassung! Schöner Glaube an Eigenkraft und Glück der Verwegenheit! Wie groß sind eure Triumphe! Nicht in Afrika, aber in einer namhaften deutschen Stadt sahe der Verfasser dieses Büchleins, die recht kecke That eines Befehlshabers, und auch sie errang ihren Preis.