Sie wurde nun noch über manche Dinge verhört, und reihte ihre Nothlügen so geschickt aneinander, daß die Männer beruhigt wurden. Der Priester setzte endlich fest: der ungläubige Jüngling sollte zu einem Derwisch im Gebürge, der ihn in der allein reinen Religion unterrichten würde. Er übernahm es sogar selbst, ihn nach der einsamen Wohnung des Mannes zu geleiten. Jetzt begegnete man Floren nicht mehr feindlich.

Ihr wurden einige Erfrischungen gereicht, und dann mußte sie mit zum Imam, der zwei Esel satteln ließ. Nachdem sie eine schlichte Mütze, wie nur die Juden im Morgenlande tragen dürfen, bekommen hatte, mußte sie das eine Thier besteigen, und dem Priester folgen.

Man hatte etwa zwei französische Meilen bis zum Aufenthalt des Einsiedlers. Oft fiel Floren unterwegs bei: könnte ich nur auf die Schnelligkeit des Thieres bauen, ich wagte eine Flucht. Aber es war gewohnt, neben dem anderen einherzuschreiten, und wenn sie nur eine Lenkung versuchte, gab es Schwierigkeit. An ein solches Vorhaben war also nicht zu denken.

Sie mußte in den Bergwald. Durch enges Gesträuch wand sich ein steiniger Pfad, der zu einer sehr dürftigen hölzernen Hütte führte. Ein Greis mit langem Silberbart trat heraus. Mit tiefer Ehrerbietung nahte ihm der Imam, unterrichtete ihn über den Zweck des Besuchs, und fragte: ob der Derwisch gemeint sei, den jungen Franken in die hohen Lehren der Religion zu weihen? Wer wird nicht gern eine Seele retten, klang die Antwort.

Nun sagte der Imam: mein Sohn, was du noch an Gelde bei dir führest, liefere in meine Verwahrung. Wie Du ein Muselmann bist, sollst du es treulich zurückerhalten. Flore warf einen Blick des Unwillens auf ihn, als wollte sie sagen: Hast Du nicht genug? Laß mir das Uebrige. Er wiederholte die Frage. Ich besitze nichts mehr, war die Antwort. Und dennoch ist dein Gürtel so dick. Laß sehn! — Er nahm den Gürtel ab, und schüttelte die Goldstücke heraus. Flore gab noch gern den Rest her, nur damit sie bei einer Untersuchung nicht entdeckt würde. Dahin waren die Reichthümer.

Der Imam sprach: Dem Ungläubigen sei die Lüge noch verziehn, und entfernte sich. Für Lebensmittel werde ich sorgen, rief er zurück.

Der Greis nahm Floren nun in die Hütte, trug einige Wurzeln auf, und setzte ein Gefäß mit Wasser daneben. Die Proselitin gegen ihren Willen, war zu tief vom Schmerz über ihren Verlust erfüllt, daß sie hätte Eßlust spüren sollen, wenn man sie auch an eine Prunktafel geladen hätte, wie jene zu Alexandrien. Und nun gar diese Frugalität.

Das ernste Amt des Mannes wurde gleich begonnen. Mein Sohn, hub er an, danke dem Propheten im Staube, daß er dich diesen Weg geleitet hat. Du wirst nun der Erwählten einer, täglich durch fünf Gebete die Sünde tilgen, und dereinst das frohe Paradies grüssen.

Flore hörte mit einem Gesichte zu, wie es die Judenkinder in Rom zu ziehn pflegen, wenn sie gemüßigt sind, eine christliche Predigt zu hören, gegen deren Ueberredung zum Glaubenwechsel, die Eltern sie daheim erst mit tausend Verwünschungen waffneten.

Der alte Derwisch fuhr fort: Es giebt sieben Himmel, mein Sohn. Mahomed stieg auf den Alboral, schwang sich zur Höhe, und sahe sie alle. Der erste ist von feinem Silber, der zweite von reinem Gold. Aus edlen Steinen ward der dritte erbaut, und ein Engel liest hier heilige Blätter, von dessen einer Hand zur andern, Sechzigtausend Tagereisen sind. Der vierte glänzt von Smaragdwänden. Nur Christal wird im fünften sichtbar. Der sechste ist ein Feuer, das nicht verletzt. Ein reizender Garten der siebente, wo die Springbrunnen Milch zur Höhe treiben, Wein in perlenden Bächen umherschäumt, und Sümpfe von Scheibenhonig einladen, sich bis an den Gürtel zu versenken. Hier blühen liebliche Bäume, voll saftiger Aepfel. So du einen brichst, verwandeln sich die Kerne der Frucht, in süße zarte Mädchen, so fein, so hold, so engelhaft, daß wenn eine nur einen Tropfen Feuchtigkeit von ihren Lippen ins Weltmeer fallen ließe, es gleich aufhören würde, salzig zu seyn. Hier wird Allah von Seraphimen gelobt, die Siebzigtausend Lippenpaare haben, und in jedem Mund Siebzigtausend Zungen, und wo jede Zunge in Siebzigtausend verschiedenen Sprachen, täglich Siebzigtausendmal den Herrn der Himmel und Welten preist. Vor seinem Thron, der hier prangt, brennen vierzehn Kerzen, deren Flamme funfzig Tagereisen hoch emporlodert. Alles was die Seligen nur begehren, wird ihnen da werden, in unaussprechlich reicher Fülle. Dort dürfen sie Wein trinken, und einen Wein, im Feuerparadiese gepflanzt und gekeltert, so stark, daß von einem Tröpflein die ganze Menschheit trunken wäre. Dort wirst du so viele Mädchen umarmen als du willst, alle ewig jung, ewig schön, und ewige Jungfrauen. O welche Gnade wird dem Seligen! Heil dir, mein Sohn!