Flore konnte sich nicht der Frage erwehren: Und die Weiber, frommer Derwisch, werden sie auch so viele Männer nehmen, ewig jung, ewig schön, ewig — —

Ei, unterbrach sie der Einsiedler, so fremd noch bist du in Geheimnissen des Glaubens. Kein irdisch Weib darf dem Paradiese nahn, doch von fern werden sie der Männer Entzückungen schauen.

Man kann die Bemerkung nicht umgehen, daß Mahomed unter allen mythologischen Dichtern die üppigste Phantasie zeigte. Hätte er aber mehr seinen Geschmack, und weniger arabische Märchenträumerei in seine Religionsgebräuche aufgenommen, dabei nicht den Künsten den Eingang versperrt, so würde er noch zahllose Anhänger mehr geworden haben. Wie hätten die Bildner streben können, die Lehre reizend zu versinnlichen! Giebt es nirgends in der Christenheit ein Gemälde der Houris? Da die Christen- und Griechen-Mythen so erschöpft sind, könnte die Kunst sich immer auch an jenen Vorwürfen üben.

Es giebt aber noch eine Götterlehre, die sich für den Pinsel oder Meissel auszeichnet, die teutonische. Welch ein malerischer Stoff, die himmlischen Valkyren! Wer weiß, ob Thuiskons Enkel so entartet wären, hätte jene alte Religion fortbestanden, und sich der Zeiten Läuterung erfreut? —

Genug, Flore sollte an den Propheten glauben, so wenig Lust sie dazu fühlte, und so übergroß ihre Verlegenheit anwuchs. Denn was sollte doch werden, wenn der Religionsunterricht weit genug vorgerückt war?

Gegen den Alten ergriffen sie aber ganz eigene Empfindungen. Sie liebte ihn nicht, haßte ihn nicht, hatte Lust seine entsagende rauhe Lebensweise Thorheit zu nennen, aber bewundern mußte sie die große Kraft dieser Thorheit. Mehr in den Sieben Paradiesen, wie in der Wirklichkeit lebte dieser Derwisch. Immer umgaben ihn die Bilder davon, und die Lebendigkeit seiner Vorstellungen war so stark, daß er oft im süßen Wahn nach den Gestalten faßte. Ein morgenländischer Swedenborgianer.

Der Imam fand sich von Zeit zu Zeit ein, fragte über die Gelehrigkeit des Schülers nach, und brachte Lebensvorräthe. Florens gutes Gedächtniß setzte sie bald in den Stand, das Gehörte wieder herzusagen, und so fand sie denn ein Lob, nach welchem eben kein Geitz in ihr wohnte. Desto schlimmer, denn man sprach mehr von dem Tage, wo das islamitische Sakrament den Proselyten weihen sollte.

Dieser Tag durfte nicht nahn, wie ließ sich ihm aber ausweichen? Eine verstellte Ungelehrigkeit, wozu könnte sie auch führen, als zur Verlängerung eines gar beschwerlichen hoffnungslosen Aufenthalts? Peinliche Verlegenheit! Flore hätte gern eine Rettung durch die Flucht versucht, aber der Gedanke an ihre Goldstücke fesselte sie immer noch, obgleich nur ein geringer Anschein vorhanden war, sie könne je wieder zu ihrem Besitz gelangen.

Sie hegte noch die Absicht, unter dem Vorwande ihr Geld vom Imam loszuschwatzen, daß sie sich für die Feier des hohen Tages mit schönen Ehrenkleidern versehn wollte. Im Besitz des Geldes, wenigstens eines Theils davon, hatte sie dann Lust ihr Heil weiter zu versuchen. Aber der Priester war zäh, und erklärte: es sei bei der Ceremonie kein Prunken von Nöthen.

Morgen schon war der Tag, welcher etwas — nicht Vorhandenes rauben sollte, und in der Nacht zuvor, stand Flore leise aus der Hütte auf, um sich dem guten Geschicke fliehend in die Arme zu werfen. Der Derwisch schlief nicht, und hörte unter seinem Gebete das Getöse. Er wollte die Flüchtige ergreifen, die sich ihm aber schnell entwand. Nun tappte er vergebens im Dunkeln umher, und hörte aus der Ferne die Worte: „Frommer Derwisch, ihr habt unter eurem Hüttendache ein Weib geherbergt.“