Wieder gute Bewirthung im Lager, und in der Nacht Bequemlichkeit auf den Teppichen der Itschoglans.

Am folgenden Tage vergaß Flore nicht, ihr Anliegen zu erneuen, da der Bei sie wieder vor sich lud. Sie empfing keine Antwort, dagegen einen weissen Kaftan mit schwarzem Fuchspelz verbrämt.

Wieder ein Tag, wo ihr alle Milde widerfuhr, nur hatte man kein Gehör für die Bitte. Statt allem Bescheid darauf, wurde ihr ein Pferd mit stattlichem Sattel und Zeuge vorgeführt.

Jetzt befand man sich schon in einer Wüste. An Flucht war um so weniger zu denken. Die Pariserin wußte gar nicht, was sie über das Betragen des Muselmannes denken sollte, und weil Dankbarkeit ohnehin eine Grundlinie ihres Charakters zog, fand sie den Bei mit jedem Geschenke liebenswürdiger, ja auch schöner wie ihren Ring, dessen körperliche Vorzüge ohnehin das letzte waren, was sie an ihm liebte. Zudem befand sie sich so außerordentlich behaglich in dem Lager, daß die Trennung davon nicht ohne Schmerz mehr vollzogen werden konnte. Wohlleben im Ueberfluß, allenthalben dienstbare Huldigung, denn nach jeder neuen Gabe des Oberherrn wurden die Diener unterwürfiger und schmeichelnder, ja es nahten bereits Itschoglans oder Mammelukken mit kleinen Geschenken, um ihrer in Gutem zu gedenken, oder etwas für sie durchzusetzen.

Endlich war die nicht breite Wüste durchzogen, und ein Bezirk erreicht, wohin noch keine fremde Waffe drang. Eine Landschaft, die mit ihren zauberischen Reizen alles bei weitem übertraf, was Flore an Naturschönheit in Niederegypten gesehen hatte, die überall den Gedanken an die fabelhaften glückseligen Inseln der Dichter rief. Freilich auch ein häßliches Sumsen der Mosquiten in der Luft, und ihr quälender Stich; freilich Skorpionen in den Ritzen der Gebäude; freilich hier schon Krokodille genug im Nil, aber die Fülle des Angenehmen ließ das alles vergessen.

Hier lag das Landhaus, wohin der Bei seine Schätze und Weiber geflüchtet hatte, wie der fremde Besuch nach Egypten kam. Ein nicht großes, aber sehr niedliches Gebäude, dessen plattes Dach mit Erde überworfen, mit den lieblichsten Blumen bepflanzt, und mit einem buntgewirkten Zelthimmel überbreitet war. Es lag mitten im Garten, die Ställe, Soldatenwohnungen in einiger Entfernung. Der Garten war mit einer Mauer umgeben, so breit, daß man oben nicht nur spazieren gehn, sondern auch reiten konnte. Eine Allee von Orangen befand sich oben, was einen überaus lachenden Anblick gewährte. Die Lustteiche, mit ihren kleinen Gondeln; die heiteren Pavillons, auf Hügeln gebaut, die eine weite Aussicht eröffneten; die leis murmelnden Wasserfälle; die Bäche mit seltsam bunten Fischen; das glänzende hold singende Gefieder auf dem lieblichen Strauchwerk, dem der herannahende Winter keine Schönheit raubte, nur die Frische des Grünes, von den Sonnenstrahlen erst gedörrt, zurückgab; alles das vollendete die wunderähnliche Wirkung dieses, mit Recht vom Bei erhobenen, Asyls. Nur ein Umstand konnte einen europäischen Baukünstler dort zur Verzweiflung bringen. Zum Portal des Landhauses führte nehmlich ein schöner Säulengang. Der weisseste Marmor, im Alterthum die Zierde eines herrlichen Tempels zu Memphis. Die Säulen hatten aber unter den Ruinen umgestürzt gelegen, der neue egyptische Architekt gemeint: es sei immer gleichviel; und so standen die Kapitäler unten, während die Piedestale stolz emporragten. Flore verstand zwar nicht das mindeste vom Bauwesen, aber doch hatte sie oft in Paris, vom Pont-neuf herkommend, die gepriesene Kolonade am Louvre betrachtet, und so konnte es nicht anders seyn, der Uebelstand mußte ihr einleuchten. Sie lachte ganz dreist, über den verkehrten Prunk, eine Unart, die ein empfindlicher Bei mit dem Kopfe würde habe büssen lassen, dieser aber gab Befehl, die Säulen umzudrehn.

Seine Großmuth verringerte sich hier nicht. Kaum hatte man sich von den Beschwerlichkeiten erholt, als Flore vorgefordert wurde. Schöner Frank, sagte der Bei, ich mache dich zum Itschoglan, du kannst zur Religion Mahomeds übertreten, du darfst Nazaräer bleiben, nach Gefallen. Auch Christus predigte das Wort. Du sollst aber nicht bei den andern Edelknaben wohnen, sie sind wild und roh, hier im Landhause ist dein Zimmer. Komm, du sollst Fatmen, mein Weib, kennen.

Flore wunderte sich höchlich, da der vornehme morgenländische Herr, gegen alle Landessitte, den vermeinten Jüngling in den Harem führte, ja ihm die Erlaubniß gab, ihn mit aller Freiheit zu besuchen, so oft er nur wollte.

Fatme war eine sehr schöne Frau, von einer Weisse und Feinheit der Haut, wie man sie auch in den höchsten Ständen der Christenheit nicht erblickt, da hier die Damen sich unfreundlichen Einflüssen der Witterung immer häufiger blosstellen, und nicht im Besitz einer gewissen Salbe sind, deren man sich dort mit großem Erfolg bedient. Nur einen zu hohen Grad der Formenfülle, hätte man, an Mittelverhältnisse gewöhnt, der Schönheit dieser Fatme zum Vorwurf machen können.

Sie gab ihrem Gemahl nichts an Güte nach, und der neue Itschoglan wurde von ihr mit einem gestickten Gürtel von hohem Werthe beschenkt.