Flore fing schon an, bei sich zu denken: Wenn dies Leben so fortgeht, werde ich alle Mühe anzuwenden haben, um Ring nicht ganz und gar zu vergessen.
Der Bei war noch in den ersten Tagen mit vielen Boten beschäftigt, die Briefe da und dorthin fördern sollten, und sprach daher Floren nur wenig, dagegen blieb letztere zu ganzen Stunden im Harem, wo ihrer immer die köstlichsten Erfrischungen warteten. Fatme lustwandelte auch häufig mit ihr im Garten, doch trug sie dann den Schleier, und einige Sklavinnen folgten unterwürfig. Immer in der Sprache geübter, und erfüllt vom Vertrauen, wagte Flore bald, mit der Gattin des Bei über ihre Lebensverhältnisse zu reden. Sie pries das beneidenswerthe Glück, einen so liebevollen Gemahl zu besitzen. Da seufzte Fatme aber. Der vermeinte Itschoglan fuhr fort: Und wie ausgezeichnet bist du vor allen Muselmänninnen! Gleicht sonst der Großen Harem den Kerkern, der deinige ist ein Tempel der Freiheit. Doch setzte sie mit etwas stockendem Tone hinzu, kann das auch nur ein so liebenswürdiger Mann, wie der Bei, wagen. Hier weinte Fatme. Flore war befremdet. Jene brach aus: O warum bewacht er mich nicht strenger? Es würde mir ein Zeichen der Liebe gelten. Nur Kälte öffnet des Harems Thüren. Ich bin freilich sein einzig Weib, aber —
Tränen unterbrachen sie, und Flore schwieg traurig.
Von jetzt an, ruhten die Blicke der Mahomedanerin länger und fester auf Floren, auch mußte sie öfter in dem Harem erscheinen. Ganz allein befand sie sich übrigens dort nie mit ihr, sondern einige aufwartende Sklavinnen waren gewöhnlich noch im Gemach.
Auch die Geschenke mehrten sich, und selten verließ die Verkleidete den Harem, ohne irgend eine Kostbarkeit mitzunehmen.
Von nun an lebte der Bei sich auch mehr selbst. Vor den Europäern war er in der Entlegenheit gesichert, sonst fürchtete er Niemand, viele seiner Soldaten wurden also entlassen, und Waffengetöse störte weniger des Landsitzes Ruhe. Er hatte Schätze genug hierher geflüchtet, und bedurfte vor der Hand keiner Einnahmen, um den Ausgang der Begebenheiten abzuwarten.
Oefter sah er nun auch Floren, die noch mehr wie vorher mit Huld überhäuft wurde. Die zärtlichen Blicke, sogar das Erröthen seiner Wange, wenn Flore ihn ansah, hätten sie fast den Argwohn schöpfen lassen, er ahne ihr Geschlecht und wirklich fürchtete sie diese Ahnung nicht sehr; allein das ließ sich doch wieder nicht glauben, da Flore immer die Dienste eines Itschoglan verrichten, und den Bei zu Pferde beim Spazierritt begleiten mußte.
Wie lange wird es wohl möglich sein, fragte sie sich oft, das Geheimniß zu bewahren?
Nach einigen Tagen wurde ihr Schlafgemach verändert, und ihr eins ganz nahe bei dem Zimmern des Herrn angewiesen. Die erste Nacht, welche sie dort zubrachte, wurde sie durch ein leises Zupfen an der Bettdecke geweckt. Sie fuhr auf. Eine Sklavin stand da. Folge mir Itschoglan! sprach sie. Flore warf Kleider über und gehorchte. Man schlich durch den Gang, welcher nach Fatmens Schlafzimmer führte. Floren pochte das Herz gewaltig. Die Thür öffnete sich. Die Sklavin blieb zurück.
Die Fenster des Zimmers waren tief verhängt, aber eine kleine Lampe verbreitete inwendig eine magische Helle. Ausgewählte Confituren und Früchte trug ein kleiner mit Goldbrokat bedeckter Tisch. Aus Vasen von chinesischem Porcellan dufteten die edelsten Blumengattungen, besonders das liebliche afrikanische Gewächs El Henne genannt, das aus seinen traubenartig verbundenen Blüthen einen so balsamischen Ausfluß haucht. Alles lud ein, dem kühnsten Wunsch nach hohen Genüssen Raum zu geben.