Siebentes Kapitel.
Was Perotti unter den Vercingenten sah.
Nichts Eiligers hatte ich zu thun, als mich aus dem Lande der Freiheit und Großmuth zu entfernen. Ein Räuber, der ein stattlich Pferd ritt, plünderte mich noch unterwegs, und da ich alles hingab, war er in der That so großmüthig, mir das Leben zu lassen. Gut daß ich mir durch einige Gaukelkünste Etwas wieder erwarb, sonst wäre ich in die drückendste Verlegenheit gekommen.
Ich ließ mich zu den Vercingenten übersetzen. Eigentlich sollte es nicht sein, doch mit Geld läßt sich Vieles möglich machen.
An dem Gestade der Vercingenten sahe ich große Vorkehrungen, um in das Land der Carthager zu fallen. Es lagerte ein Heer, viele Fahrzeuge waren bereit, über den breiten Strom zu setzen. Doch sagte mir ein Vercingent ins Ohr: Wer weiß, ist es Ernst damit, wir richten aber schon genug aus, wenn die Carthager in Furcht gehalten werden. Sie sind dann genöthigt, alle Kräfte zur Bereitschaft des Widerstandes anzuspannen.
Ich erfuhr im Lande, daß die Vercingenten vor mehreren Jahren sich genöthigt gesehen hätten, eine Regierungsveränderung vorzunehmen. Das ging niemand etwas an, wie ihnen selbst. Allein mehrere auswärtige Mächte waren mit gewaffneter Hand aufgetreten, und hatten begehrt, sie sollten die alten Formen herstellen. Das hatte nun Partheiwuth und innere Noth aufs höchste gebracht. Nichts war mehr zu verlieren, alles zu gewinnen. Darum stand die Nation in voller Kraft auf, ihr Recht zu behaupten. Wenn alles auf dem Spiele steht, muß sogar der Muthlose verwegen sein. Genug, die Kraftsumme, welche jetzt in Thätigkeit kam, brachte neben einer, dem Kriege günstigen geographischen Lage die erstaunenswerthesten Wirkungen hervor, und besser stand noch der Vercingenten Spiel, als ihre Feinde sich schlecht mit einander vertrugen, und oft ihre Lust daran hatten, wenn der heimlich gehaßte Bundesgenoß Unfälle erlitt. Wie glorreich sie aber auch kämpften, und jeden Krieg mit Eroberung krönten, die Carthager (wir wissen schon warum) bewirkten durch ihr Gold ihnen immer neue Kämpfe. Zuletzt wurden die Vercingenten der Sache recht gewohnt, der Krieg war ihr Element, und sie machten sich von einem Lande nach dem anderen Meister.
Eben da ich nach der Hauptstadt reis’te, sah ich auf den Landstraßen bald Wagen mit erbeuteten Waffen, bald Siegeszeichen aus einer eben gewonnenen Schlacht, bald lange Reihen Gefangener, die aus der Fremde gebracht wurden.
Sehr begierig war ich, ihre Hauptstadt zu sehen, und der Wunsch wurde mir bei den vortrefflichen Wegen und Anstalten zum schnellen Fortbringen der Reisenden bald gewährt.
Ihr Umfang ist ebenfalls beträchtlich, wenn sie sich gleich durch Schönheit der Straßen und Wohnhäuser im Allgemeinen nicht empfiehlt. Kömmt man übrigens nach dieser Stadt, so wird man (mit Ausnahme einiger Gegenstände, die bald zur Berührung kommen sollen) nichts weniger meinen, als daß dies der Mittelpunkt eines kriegerischen und immerfort in Krieg begriffenen Landes sei. Nichts wie üppige Vergnügungen überall. Schauspiele in allen Gegenden der Stadt, die leckersten Gastereien bei den Großen, eine Menge Lustgärten, die den raffinirtesten Lebensgenuß darbieten, Spiel- und Tanzhäuser ohne Zahl. Nicht in Soldatentracht geht hier der Held, der vielleicht mit Wunden bedeckt ist, und jenseit der Gränze vor Kurzem vielleicht Wunder der Tapferkeit verrichtete. Im weichlichen Stutzeranzuge sieht man ihn, von köstlichen Salben duftend, von Schöne zu Schöne fliegen, Musik, Gesang und Galanterie treibend. Was die Historie von einem Sybaris, einem Capua spricht, bleibt bei Weitem gegen das sinnentrunkene Leben zurück, das die Vercingenten in ihrer Hauptstadt führen, und die Schätze, welche man den Feinden abnahm, werden hier zu den feinsten Schwelgereien angelegt. Ich fragte in den Buchläden, welche Werke am meisten Leser fänden, und mir wurde ein Lehrgedicht über die leckere Kochkunst genannt. Und gleichwohl darf ein solcher Prasser nur zu den Heeren gerufen werden, so scheut er wieder keine Mühseligkeit, und theilt Mangel, Noth und Gefahr, mit dem niedrigsten Krieger auf die geläufigste Weise.
Ich konnte mich nicht genug verwundern, wie das, was sonst die Menschen zu allem Kräftigen und Muthigen abspannt, hier gar keine nachtheilige Wirkung äußerte, und sah mich dann ein wenig nach den Mitteln um, welche die Vercingenten anwendeten, um das Feuer des Kriegsgeistes bei ihren Bürgern nicht verglimmen zu lassen.
Was ich aber da sahe, lockte mir wieder ein neues Staunen ab. Denn Gemüth und Einbildungskraft waren hier nach allem, was darin anschlagen, reizen, begeistern kann, so in Ueberblick und Lenkbarkeit gebracht, als wären sie sichtbare fühlbare Räder einer Maschine, die man nach Gefallen in Bewegung bringt. Eine dichterische Spannung war über das gesammte Soldatenhandwerk gebracht, daß jeder Krieger nichts Edleres, Höheres fassen konnte, wie die Waffe. Alle Künste strebten, das Herz in den Banden der Begeisterung fest zu halten, der Feldherr hatte Aussicht, in großen Marmorstatüen, Untergebieter der Truppen in Büsten und Gemälden, der Geringste in goldener Namensschrift an Ehrensäulen auf die Nachwelt zu kommen. Man feierte phantastische, verbrüdernde, ermuthigende Feste, bei Versammlung der Heere, an Tagen berühmter Siege. Dem Alter der Hülflosigkeit des Kriegers, winkten bequeme Versorgungen. Der Lohn für den besondern Muth war ausschweifend. Der Neugeworbene konnte hoffen, schon im künftigen Jahre eine bedeutende Stufe zu erklimmen, die Krieger von Rang erlangten neben Ehrenzeichen und Schätzen, oft Land und Leute, wurden herrschende Grauen, wohl gar Weliks. So viele Aussaat mußte denn wohl mit Frucht wuchern, und nichts wunderte mich mehr, als wie die Feinde der Vercingenten, die das System solcher Anreize nicht kannten, nicht in Ausführung bringen wollten (auch nicht mehr konnten), doch immer Sieg hofften. Ohne ein Wunder vom Himmel blieb er, alle Umstände zusammengenommen, denn doch nicht denkbar. Einige waren aber auch klug, und wandten sich auf die Seite derer, die sie doch einmal nicht zu bezwingen verstanden.