Auf den Gassen der Stadt bemerkte Guido, daß es hier ungemein viel schöne Weiber gäbe. War gleich, wie oben im Eingang berichtet worden, das Geschlecht überhaupt zu einer entwickelteren Anmuth erzogen, und die europäische Menschheit durch Gleichheit der Verfassung in einander geflossen, so mußten dennoch einige Unterschiede in der äußeren Bildung übrig bleiben, deren Ursachen man in Abstammung und Gegendeigenheiten zu suchen hatte. Der Lehrer erklärte: Schon im Alterthum wurden die Sarmatischen Schönen gepriesen.
Guido fand bald darauf Gelegenheit, diese lieblichen Blüthen im vereinten Strauß zu beobachten.
Zu Moskau, dem Hauptorte der Kriegprovinz, hatte er einen vorzüglichen Mosestempel bewundert, in welchem das Standbild des Gefeierten in einer Größe, wie Ehedem der rhodische Koloß, prangte, und wo ein Heer von Hunderttausend Mann auf einmal seine Andacht verrichten konnte. In Warschau dagegen
stand ein Heiligthum der Maria, durch seine geschmackvolle Pracht weit berühmt. Die Jungfrauen im Lande hatten es aus ihren Mitteln erbaut, und sich dafür das Recht vorbehalten, hier allein zu beten, und Feiergesang anzustimmen.
Sie nahmen dann Platz auf dem Marmorboden, doch die Erhöhungen welche der Rotunde Innenwände umliefen, konnten Männer besteigen und Niemand mag zweifeln, daß sie nicht angefüllt gewesen wären.
Gelino hätte es vielleicht nicht unumgänglich nöthig gefunden, seinen Zögling dahin zu führen; doch dieser hatte davon viel gehört, und bewies sehr redselig, man müsse die Reisekunde auf jede Art bereichern.
Es war das Frühlingsfest der Maria, der Kultus hatte einige Aehnlichkeit mit den Floralien der Alten. Im weißen Gewand, blendend wie Schnee, fein wie die Schleier der Arachne, die Sandale mit bunten Bändern an den bloßen Fuß geknüpft, die Locken mit jungen Blumen durchflochten, zogen die Jungfrauen in den Tempel.
Guido befand sich im Gedränge auf der Erhöhung.
Süß strömte der Duft hinauf, die Treibhäuser waren von ihren Orangenblüthen und Rosen geplündert, nimmer hatten Guido, selbst auf dem heimathlichen Eilande, so holde Gerüche gelabt.
Alle ohne Ausnahme waren schön, lieblich, anmuthig, denn die, welchen die Natur diese Mitgift versagt hatte, pflegten an einem solchen Tage unpäßlich zu sein, um nicht so vielem Lichte die Schatten zu geben.