Gelino lächelte und gab seinem Zögling die Antwort: Dies könnte wohl sein, und wenn die höchste Entwickelung, der Menschheit Zweck ist, was wäre denn noch an ihrer Fortdauer gelegen, wenn sie das Ziel umfaßt hätte, und es etwa mit jenem Zeitpunkt zusammenträfe? Gleichwohl dürfte sein Untergang auch nicht einmal an das Verschwinden des Wassers gebunden sein. Denn, kann der Erdensohn nicht übernehmen,
was die Natur nicht mehr nöthig erachtet, für ihn zu leisten, da sie ihn genug mit Kräften ausstattete, und der Gebrauch dieser Kräfte hinlänglich erweitert ist? Können wir nicht lange schon Wasser chemisch bereiten? Wird diese Kunst sich nicht vervollkommnen? Freilich, neue Meere, um sie lustig zu beschiffen, dürfte man nicht hervorbringen lernen; doch Flüssigkeiten für den Hausbedarf, Regengewölke zum Tränken der Gefilde, wovon ja schon manche Versuche jetzt gelangen, scheinen keineswegs außer dem Bereiche der Sterblichen zu liegen. Doch du wirst darüber in Berlin manche Hipothese hören.
Blicke einstweilen sorgsam auf die Einrichtungen, die unser Weg dir zur Ansicht darbietet. Du siehst alle Städte in Teutonien voller Kunstfleiß, voller trefflichen Schulen; prachtvolle Tempel und Bühnen zieren die meisten. Bei so vielem Reichthum, als der kluge Landbau einer großen Volkmenge, hier dem Boden entlockt, ist der Städte Flor eine ganz natürliche Folge. Der Ackermann nährt den Handwerker, indem er ihm seinen Ueberfluß verkauft, und von ihm wieder die Lebensbedürfnisse holt, welche er nicht allein hervorbringen kann. Letzterer bezieht
wieder die Märkte anderer Gegenden, mit der Arbeit, welche ihm daheim nicht abgenommen wurde, und schafft dafür ihre Erzeugungen herbei. Das Geld, überall werthhaltig und durch weise Aufmerksamkeit der Regierungen, im richtigen Verhältnisse zum Preis der Sachen, empfängt einen schnellen Umlauf, und regt auf demselben die Betriebsamkeit unaufhörlich an.
Wie blühend wir aber diese Gegenden finden, so hätten wir nur alte Bücher zu fragen, um über die Barbarei, welche noch vor drei oder vierhundert Jahren sie drückte, belehrt zu sein. Damals fand man kaum jede halbe Meile ein elendes Dorf, in dessen unreinlichen Strohhütten sklavensinnige Halbmenschen wohnten.
In den Städten lag der Gewerbfleiß krankend danieder. Europens Staaten hatten sich nicht weise verbunden, um durch Handel gegenseitig ihre Thätigkeit zu beleben und die Genüsse auszutauschen; man sann nur auf Uebervortheilung, die am Ende Allen verderblich war. Unnatürlich große Heere wurden auf den Beinen gehalten, wodurch dem Gemeinwesen so viel jugendlich rüstige Kräfte entgingen. Diese Heere nährten sich nicht selbst durch Nebenarbeit, sondern
mußten Sold empfangen, wodurch die Regierungen sich genöthigt sahen, die Völker mit Abgaben zu erdrücken. Unter solchen Umständen mußten die meisten Länder zur Hälfte Wüsten bleiben; Tausend harter Ungerechtigkeiten und Thorheiten, die natürliche Folge verkehrter Einrichtungen, nicht zu gedenken.
Und die Menschen hatten doch damals, so gut wie in unseren Zeiten, die göttliche Kraft der Vernunft, auch Philosophen in Menge, welche, die Natur dieser Vernunft zu erkennen, sie gleichsam anatomisch zu zerlegen und scheidekünstlerisch in ihre Bestandtheile aufzulösen strebten. Es galt demungeachtet von ihnen, was einer ihrer alten Dichter sang:
Unselig Mittelding vom Engel und vom Vieh,
Du prahlst mit der Vernunft, und du gebrauchst sie nie.