Die Urne eines seit kurzem verstorbenen Königs ward in den Saal gebracht, von seinen vornehmsten Unterthanen getragen. Eine weinende Menge, aus der Ferne gekommen, die der Saal nicht aufnehmen konnte, stürzte nach,
einmüthig flehend, dem Staube ihres Monarchen den Tempel der Unsterblichkeit zu bewilligen.
Euer Flehen ehrt den Verstorbenen, antwortete der hohe Senat, allein es darf uns nicht bestechen. Wo liegen die Beweise, daß euer König das Grab des Ruhmes verdiene?
Nun drängten sich besondere Sendungen der Räthe in den Staaten des Todten hervor. Sie reichten Schriften ein, worin die Zunahme der Volkzahl während seiner Regierung berechnet stand, in welchen dargethan wurde, daß sich die Klagen in den Tempeln des Rechtes, während eben diesem Zeitraume, ungemein vermindert hatten; ferner, daß auch nicht eine Ehe getrennt worden sei. Die Papiere wurden laut verlesen. Bedächtig horchten die Greise, rührende Blicke auf die Urne wendend. Nach den Berathungen einer Stunde sprachen sie einmüthig aus: Seine Regierung war gut, da diese Erfolge Zeugniß ablegen. Dem Staube werde des Ruhmes Grab, wenn der Kaiser das Urtheil heiligt.
Die Todten wurden jetzt überhaupt nicht als Leichname begraben. Man wollte den schauderhaften Zustand der Verwesung nirgend wissen,
auch unter den Rasenhügeln empörte er die Gefühle einer zartsinnigeren Menschheit. Hatte der Verstorbene, nach einigen Tagen, die untrüglichen Kennzeichen des Todes, schafften ihn die Verwandten in ein Leichenhaus, wo durch einen chemischen Prozeß alle Flüssigkeiten verflüchtigt, und die festen Theile in Erde aufgelöset wurden. Diese kam in die mitgebrachte Urne, und die Leidtragenden brachten sie nach dem Todtengarten, den die Städte mit Baumpflanzungen und Blumen zu schmücken, wetteiferten, um sie dort einzusenken. Ein Denkmal aber durfte auch dann nur die Stelle bezeichnen, wenn die Mitbürger des Ortes, durch Stimmenmehrheit, den Verstorbenen dieser Ehre würdig achteten. Den Wohnplatz der Ruhe sollten nicht Lügen entheiligen. Personen, welche dem Gesetz widerstrebend gelebt hatten, kamen auf ein gesondertes entferntes Gräberfeld, öde, ohne Strauch und Blumen, und die Städte fanden einen Stolz darin, kein solches Feld auf ihrem Gebiete zu wissen.
Das Bundesgericht meldete noch am Morgen, durch den Telegraphen, seinen Ausspruch nach Rom. Am Abend langte die Antwort an. Der Kaiser ließ durch die akkustischen Röhre zurücksagen:
Was eben berichtet sei, stimme ganz mit den Kunden überein, welche ihm von der Amtsführung jenes Königes auf anderen Wegen zugekommen wären. Er ehre der Greise Weisheit, bestätigte ihren Spruch, und gebiete, die Urne nach Rom zu senden.
Am anderen Tag wurde sie nun mit Blumen und Lorbeeren festlich gekrönt, dann unter hohem Gepränge, bei den Trauermelodien aller Glockenspiele und dem Chorgesang aller Jungfrauen auf einem goldnen Wagen abgeführt. Ein Ausschuß der Greise des Völkertribunals begleitete ihn, wie Tausende der angelangten Unterthanen, die sich das Recht nicht nehmen lassen wollten, den Reliquien ihres geliebten Monarchen bis zum Tempel der Unsterblichkeit zu folgen. Guido blickte dem Gewimmel mit froher Wehmuth nach, und gestand: wie die Rührung, welche er heute empfände, jede bisher gefühlte, überträfe.
Der andere Tag war jedoch noch merkwürdiger für unsern Jüngling. Denn jenes Königs Nachfolger, von dem Gerichte vorgeladen, stellte sich.