welche zarte Mistik, die Grundlinien der Bürgerehre verwebt wurden; wie klar das, in früher Erziehung geübte Kombinazionsvermögen, die Nothwendigkeit des Rechtes, in den viel erweiteten und berichtigten Gesellschaftsbeziehungen, einsieht; wie sorgsam weise Jahrhunderte zu fernen suchten, was gereizte Begierden wecken, niedere Leidenschaften entflammen kann; immer war doch der Stoff des Widerstrebens gegen das Gute, in der Sterblichen Brust nicht ganz zu tilgen. Die Eigensucht will hie und da immer noch zum Schaden des Gesammtvortheils auf sich beziehen, und sind die Verbrechen gleich bei weitem seltener als Ehedem, hören wir, Dank sei es den besseren Zeiten! nie von solchen, die vor Jahrhunderten noch die menschliche Natur entweihten, so wird das Gesetz doch bisweilen umgangen, und ein ernsterer Widerstand in warnenden, auch drohenden Ahndungen, ist nöthig. Er geht vom Mosestempel aus. Hier wird Recht gesprochen über den Frevler, wiewohl, von zehn Jahren zu zehn Jahren, die Strafsatzungen haben gemindert werden können, indem die traurigen Fälle, wo sie eintreten mußten, abnahmen. Hier werden auch Streitigkeiten

über Eigenthum, bei denen kein böser Wille, sondern Zweifel zum Grunde lag, geschlichtet. Doch nicht, wie vormals, hält sich die Gerechtigkeit verborgen. Oeffentlich im Tempel, vor der Menge Augen, übt sie ihr wohlthätig Amt. Auch predigen die Richter dem versammelten Volke, erklären das Gesetz, beweisen sein Heil, schärfen seine Würde, und zeigen vorzüglich den Unverstand aller gesetzwidrigen Handlungen, wodurch denn der erregte Ehrgeitz guter Vernunft, auch ein Sporn zur Tugend wird. Entsteht eine Klage über Gewaltthätigkeit — die letzten Jahre zählten sie sparsam — so dingt derjenige, welcher die Beschwerde zu führen hat, einen Maler, der die kränkende Handlung nach der Natur darzustellen hat. Das Gemälde wird vor den Richtern hingehangen, und spricht zu ihrer Empfindung. So braucht es der Anwalde Beredsamkeit nicht. Doch, der Recht verwaltenden Priester Amt nicht freudelos zu machen, ist ihnen auch die schönere Obliegenheit geworden, Lohn für edle That zu spenden. Sie rufen den Bürger vor ihren Stuhl, den eine nützliche Entdeckung verdient machte, der irgend etwas erfand, wovon die Gesammtheit Vortheile ziehen

kann, den Mann der funfzig Jahre irgend einen Beruf rühmlich verwaltete, das Ehepaar, in einer langen Reihe von Jahren durch häusliche Tugenden ehrwürdig, den alten treubewährten Diener, und ertheilen ihm öffentlich Lob oder Ehrenzeichen. Die ältesten, tadellosesten, weisesten unter allen Mosespriestern, bilden in der Hauptstadt des Königs den zweiten Rath. — Im Tempel der Maria fleht die Liebe, der Ehen heiliges Band wird dort geknüpft, die schönen das Leben schmückenden Künste, die Poesie, die aufgeblühte Jugend wähnen sich in der Obhut der Heiligen. Unter ihren Priesterinnen steht nun das ganze weibliche Geschlecht. In alter Zeit wurde es herabwürdigend beengt, wir aber sahen ein, daß Vernunftwesen eine andere Stellung in der Gesellschaft gebührt, und ihre Moralität so durchaus gewinnen muß. Darum üben sie eignen erhebenden Kultus, werden in Reden edler Priesterinnen an die Gattinpflicht gemahnt, ihnen die Grundsätze der frühesten Kinderzucht erläutert, ihr Sinn für das Schöne und Gute geschärft, wodurch sie an Anmuth und Liebenswürdigkeit zunehmen. Bei uneinigen Ehen wird der Frauen Recht wahrgenommen, im seltnen

schlimmen Fall, Trennung verhängt. Strafe kann dem Weibe nur von hier zuerkannt werden. Die edleren unter den edlen dieser Priesterinnen, stellen des Königs dritten Rath zusammen. Eine frühere Zeit würde über den Rath von Frauen gelacht haben, und doch ist er so angemessen. Auch hat ihr feiner Sinn schon des Guten unendlich viel gestiftet.“

Nenne mir die Bestimmung des Kaisers!

„Er ist oberer Kriegsherr. Die gesammten Truppen stehen unter seinem Befehl. Er wacht über den Frieden der Republik, läßt die Heere ins Feld rücken, wenn der Kampf unvermeidlich wird, und endet ihn, wenn es ihm gelang, die Feinde zur Versöhnlichkeit zu bewegen. Die Gesetze der Rekrutirung sind bleibend, nicht der Fürsten sonstige Machtvollkommenheit, nur ein allgemeiner Beschluß könnte sie umwandeln. Auch ziehn die Könige nicht mit ins Feld, da sie ihre Staaten daheim zu leiten haben, wohl aber die Söhne, wenn gerade ihre Dienstzeit in den Ausbruch eines Krieges fällt. Die Uebung der Truppen und Flotten, die Vervollkommnung derselben durch besser erkannte Technik, stehen unter Kaisers Vorsorge, und das Strategion, dir

schon bekannt, prüft, schlägt vor, entscheidet über einzelne Fälle, theils allein, theils nachdem der Kaiser bestätigte. Der Kaiser ist auch Vorsitzer des Bundesgerichts, und hat seine Aussprüche zu sankzioniren, insofern von Streitigkeiten der Könige gegen einander, oder von Wiederbesetzung eines erledigten Thrones die Rede ist. Wenn dies Gericht nicht in Rom seinen Aufenthalt hat, so liegt auch die Absicht zum Grunde, daß es nicht dem Kaiser unbedingt unterworfen werden soll. Die Telegraphenlinie kann ihm zudem in wenigen Stunden von den Verhandlungen Nachricht senden. Der Kaiser hat auch sein Königreich, und zwar das größere, aus welchem seine Einkünfte ihm zufließen. Seine Vorfahren hätten bei ihrem großen Waffenglück leicht ganz Europa sich unbedingt unterwerfen können, sie wollten es aber nur durch die gegenwärtige Verfassung bedungen, wodurch das weite Reich bequemer regiert, und der immer fortgehenden Entwickelung eine freiere Bahn gelassen wird.“

Guido dachte, als sein Lehrer geendet hatte viel über die Verfassung von Europa nach, es drängten sich ihm manche Ideen auf, wie sie

noch gesteigert werden könnte, und er nahm sich vor, darüber einen Entwurf aufzusetzen. Gelino billigte das, ihm zusagend: wenn seine Vorschläge gut wären, er sicher auf das Vergnügen zählen könne, sie in Ausführung gebracht zu sehn.

Sie gingen nach dem Pallast, wo das Bundesgericht oder Völkertribunal seine Sitzungen hielt. Es war ein Gebäude, das durch seine Festigkeit auf ewige Dauer berechnet schien. So viel besondere Reiche in Europa, so viel eherne Bildsäulen von einer Staunen erregenden Größe zierten das Dach. Sie hielten sich umschlungen, ein Adler schwebte mit seinen breiten deckenden Fittigen über die majestätvolle Gruppe. Im inneren Marmorsaale empfand Guido fromme Schauer der Ehrfurcht, als er die Versammlung der Greise sah, denen schneefarbne Bärte auf den Busen niederflossen. Er sahe zudem hier eben ein rührend Schauspiel.