Die Schwester antwortete: Er ist Minister des Herzogs.

Es war sicherlich keine Mißgunst, was ich empfand; ich staunte nur, faltete die Hände, und schüttelte den Kopf ein wenig.

Jene fuhr fort: Er ist zugleich in den Adelstand erhoben.

»Ist es möglich! Aber ist es möglich!«

Einige Jahre nach Deiner Abreise wurde er Rath, und nicht lange darauf Präsident eines anderen Collegiums; dann wurde er weiter empfohlen, und dem Herzoge näher bekannt. Schon manches Jahr bekleidet er die erste Stelle im Lande.

Immer noch höchlich verwundert sagte ich: »Otto der trockne, engherzige Otto, Minister des Herzogs?«

Lächelnd erwiederte meine Schwester: Wenn nun der Herzog trockne, engherzige Minister liebt? Ueber den Geschmack ist nicht zu streiten. – Dem Bruder gelang es auch noch weiter. Seine Würde verschaffte ihm Gelegenheit, sich mit einem Fräulein aus einem reichen Hause zu verbinden.

»Nun – ich gönne ihm Alles; er ist mein Bruder. So höre ich doch nicht lauter schlimme Nachrichten. Ei, ei! Es scheint also, als müßte eine Anweisung, hier Glück zu machen, so lauten: Fleiß, tüchtigen Geschäftsfleiß, wenn auch mehr dem Schein als der Wirklichkeit nach, und den Fleiß so geregelt, wie ihn jeder alltägliche Kopf zu zeigen vermag; das heißt: trocknen Schlendrian, immer Schlendrian, nie über das Gewöhnliche hinaus. Zweitens Kriecherei, ächte, wahre Kriecherei vor allem Rang. Endlich die so beliebte Engherzigkeit. Nun meinetwegen denn! Ich kann es nicht ändern. Aber sage mir nur, wie es zugeht, daß unser Vater nach so langjährigen, treuen Diensten eine so kärgliche Pension hat! Konnte sie Otto nicht billig erhöhen? Konnte er Deinem Mann nicht eine gute Bedienung verschaffen? Dein Mann mußte allenfalls ja auch sein Mann seyn.«

Wilhelmine erwiederte: O, Se. Excellenz geruhen jetzt, sich Dero armer Verwandten zu schämen. Als wir uns im Anfang von Otto's Erhebung an ihn wandten, fertigte er uns mit kleinen demüthigenden Geschenken ab. Auf wiederholte Bitten, etwas für den Vater, und für meinen Mann zu thun, gab er zur Antwort: »Unmöglich könne er, auf seinem viel beobachteten Platze, sich Nepotismus vorwerfen lassen; vielmehr habe er, aus Consequenz, allenthalben zu vermeiden, daß er nicht für Angehörige und ältere Bekannte eintrete. Der Pensionsfond sei zudem erschöpft, und Sauer habe nur genügende Thätigkeit auf das Advociren zu verwenden, um bestehn zu können.« Nun machte ich selbst eine Reise zu ihm. Es währte lange, ehe ich vorgelassen wurde; und, als es endlich geschah, währte die gnädige Audienz, überhäufter Geschäfte wegen, nur kurze Zeit. Otto blieb auch jetzt unzugänglich, und sagte mir daneben: der Vater sowohl, als ich, hätten ihn immer dem Bruder nachgesetzt, und an diesem ein höheres Talent und manche andere Vorzüge erhoben. Nun, fügte er hinzu, das höhere Talent half ihm nach Sibirien. Mag er von da seinen Lieben Zobelpelze schicken! – Empfindlich, daß er über Dein Unglück noch spotten konnte, verwies ich ihm das, und sagte hernach: eben auch des unglücklichen Bruders wegen käme ich. Glaube er, dem Vater und meinem Manne keine Gunst erzeigen zu dürfen, so möchte er wenigstens den Herzog bewegen, sich am russischen Hofe mit einer Bitte für Dich zu verwenden. O, sagten Se. Excellenz, da würde ich bei Sr. Durchlaucht eine Fehlbitte thun, und noch Höchstihre Ungnade auf mich laden. Mit dem Hofe in St. Petersburg steht der hiesige nicht am beßten. Ich kann weiter nichts als den Unglücklichen bedauern. Seinem unbesonnenen Leichtsinn muß er übrigens sein Schicksal zuschreiben. – Nun folgte ein stolz freundliches Entlassungszeichen. In den Gasthof schickte Otto mir noch ein trocknes Billet, mit einer Summe, die meine Reisekosten vergüten sollte. Ich sandte sie ihm, mit einem Briefchen in seinem eignen Styl, zurück. Seit dieser Zeit haben wir uns so wenig um ihn bekümmert, wie er sich um seine Verwandten.

»Pfui,« rief ich aus; »pfui! – Doch laß ihn! Er kann bei diesem unholden Sinn, trotz allem Ansehn und Vermögen, sich nicht glücklich fühlen. Ich danke um so mehr für Deine schwesterliche Liebe, die, so viel es anging, doch zu handeln versuchte. Aber – damit nicht auch ich keine Theilnahme für arme Verwandten zeige – ich habe noch nicht nach Charlotten gefragt. Lebt sie noch und in welchen Verhältnissen?«