»Kein Glück? Sei nicht undankbar gegen den Himmel! Dein Vater lief mit dem Puderquast umher; und Du hast einen Mann, der nur Gottfried Lund zeichnen darf, so gilt es an der Börse wie baares Geld.«
Was hab' ich von dem Mann, was hab' ich von dem Geld? Doch laß uns nicht von solchen verdrießlichen Dingen sprechen. Lieber wollen wir nachgerade an Philippinchens Heirath denken.
»Da kömmst Du schon wieder mit Deinem wir! Ich bin Mann, und werde sagen, wie ich's haben will; ihr müßt Order pariren. Bei dem Allen – wenn sich Einer fände, ein solider Mann bei Jahren, der keine Ausstattung verlangte, keinen Heller – wer weiß, was ich thäte! So brauchte ich das Mädchen doch nicht länger zu ernähren.«
Nach dieser Unterredung schien unsern Lund denn doch bisweilen ein Gedanke an die Verheirathung seiner Tochter zu beschäftigen. Er sagte einige Mal: »Ich hätte wohl einen Bräutigam für Philippinen; nur wird sie ihm zu hübsch seyn. Ich kenne ihn; das hat er nicht gern.« Wenn seine Gattin nun fragte, wer es sei, und ob sie den Auserwählten kenne; dann gab er zur Antwort: »Noch ist es nicht so weit; erst muß seine Frau sterben. Da sie aber an einem sogenannten Scirrhus leidet, so kann es damit höchstens noch ein Paar Jahre währen.«
Es währte aber nur ein Paar Monate, und Herr Kauser (so hieß der von unserm Lund zum Schwiegersohn Erwählte), ebenfalls ein wohl renommirter Handelsmann in Material- und Spezerei-Waaren, sah sich in den Wittwerstand versetzt. Er galt an der Börse für gut, und daneben für Lunds Pylades oder Jonathan, indem Beide völlig gleichen Sinnes waren. Er mochte etwa funfzig Jahr alt seyn; aber für jedes konnte er auch wenigstens tausend Thaler auf den Tisch zählen, und war folglich ein nicht zu verachtender Liebhaber, was den einen Punkt betraf. Sollte in anderen Punkten auch etwas zu erinnern seyn, meinte Herr Lund, so müsse man über den Hauptpunkt die Nebenpunkte vergessen. Noch vor dem Ableben der Frau Kauser, hatte Lund den nunmehrigen Wittwer befragt: ob nach demselben Philippine wohl auf seine Hand rechnen dürfe, vorausgesetzt, daß sie nur eine leere Hand bringe, und alle Mitgabe à Conto gestellt sei, bis nach des Vaters Tode. Herr Kauser nahm die Sache in Bedenken, und bedachte heraus: daß es ja vollkommen einerlei wäre, ob Lund oder er Philippinens Geld im Handel umwendete; daß Jener damit eben so viel verdienen würde, wie er selbst, und auch eben so wenig unnütz verthun. Ein so edles Vertrauen zwischen Beiden konnte in der That an Orest und Pylades erinnern.
Als die wohlselige Frau Kauser ihrer sanften Ruhestätte entgegen fuhr, mußte auch Herr Lund sie begleiten, und in der Kutsche des Leidtragenden, welche dem Trauerwagen zunächst folgte, seinen Ehrenplatz nehmen. Er hatte eine schwarze Kleidung dazu entlehnt, und zuvor seiner Ehehälfte gesagt: Philippine möchte sich bereit halten, ihren Bräutigam hernach zu empfangen: denn um nicht viele Zeit an den Geschäften zu verlieren, würde er mit demselben gleich hieher kommen. Auf diese Art könnten zwei Förmlichkeiten zugleich abgethan werden.
Frau Lund hatte doch so viele Begriffe von Anstand, daß sie erinnerte: es würde an diesem Tage sich wenig ziemen, und solche Eil besonders dem Bräutigam übel gedeutet werden.
Herr Lund erwiederte: Solide Geschäftsleute schöben nicht auf, was sie einmal thun wollten, und fragten nach dem Urtheil der Welt gar nicht. Uebrigens sollte es eben keine Verlobung vor Notar und Zeugen seyn, wovon er selbst einräume, daß sie für den Begräbnißtag nicht recht passend seyn würde; sondern bloß ein vorläufiges Versprechen, im Kreis der nächsten Verwandten. Es wäre zugleich eine Gelegenheit, daß Braut und Bräutigam einander kennen lernten.
Frau Lund fragte: welches Kleid nun Philippine anziehen sollte. Wie sie bei dem Spaziergang vor etlichen Monaten vorausgesagt habe, sei durch Philippinens abermaliges Wachsthum das einzige Sonntagskleid nun so kurz geworden, daß wenigstens die Strumpfbänder zum Vorschein kämen. So könne Philippine sich doch einem Bräutigam nicht zeigen!
Herr Lund stampfte mit beiden Füßen. Meinen Sürtout, rief er, den ich im Comptoir zu tragen pflege, habe ich nun zwölf Jahre. Warum kann Philippine nicht auch ein Kleid zwölf Jahre tragen? Ein Kleid, das sie obenein nur Sonntags anzieht! Eigentlich müßte es siebenmal so lange halten, als mein Sürtout, ergo vier und achtzig Jahre!