Die Mutter wandte ihm ganz vernünftig ein: daß er in den verflossenen zwölf Jahren, die er den Sürtout besitze, auch nicht mehr gewachsen sei. Zugleich äußerte sie den Wunsch: aus einem Kleiderladen einen fertigen Anzug gekauft zu sehn, der sich für eine Brautbesichtigung zieme.

Possen! rief Herr Lund; sie mag in dem alltäglichen Hausanzug von Damis erscheinen.

Es ist ja nicht einmal Damis, sagte Jene; nur gefärbte schlechte Leinwand. Und auch schon alt, geflickt, unten ein breiter Saum angenäht, dessen Farbe absticht.

»Thut nichts! Da sieht Freund Kauser, daß man hier nicht überflüßige Haushaltungskosten ins Cassa-Buch notirt, obwohl er sich das ohnehin vorstellen kann. Und Philippine – auch einer von ihren Fehlern, daß sie nur allzu hübsch ist – soll ihm nicht gut ins Auge fallen. Er möchte sonst zurückziehn; es kömmt ihm auf das Netto bei einer Frau an, nicht aufs Brutto, und die Schönheit ist immer ein Brutto, wovon der Mann nur unnütze Last hat. Er muß sorgen, wachen, daß nicht Andere zu der Waare Lust bekommen, und je mehr eine Frau weiß, daß sie passabel aussieht, je ärger quält sie den Mann noch um hübsche Emballage. Ich habe oft gesagt, daß ich etwas darum gäbe, wenn Philippine häßlich wäre. Als Heirathsartikel ist es doch immer einerlei; der Mann gewöhnt sich an eine häßliche Frau, wie an eine hübsche; nach Jahr und Tag weiß er nicht mehr, wie seine Frau aussieht. Doch er kann bei den Geschäften ruhiger seyn, und braucht nicht an der Börse zu denken: jetzt ist ein Hausfreund bei meiner Frau; wenn er so klug gewesen ist, sich eine zu nehmen, die nicht hübsch ist.«

Dabei hatte es sein Bewenden. Philippine erfuhr mit geheimen Grauen ihre Bestimmung. Nie hatte sie Herrn Kauser gesehn; aber es fehlte ihr nicht an natürlichem Verstande, um a priori zu schließen: der Vater würde ihr wohl eben nicht einen liebenswürdigen Mann aussuchen.

Die Leser könnten mit Recht fragen: woher Philippine doch einen Begriff von Liebenswürdigkeit genommen habe? In der That war sie einst gar schlecht unterrichtet worden, kam nur bei den schon erwähnten Gelegenheiten aus, und sah weiter Niemanden, als die Hausgenossen. Denn hatte Jemand in Geschäften mit Lund zu reden, so mußten die Frauenzimmer sich entfernen, wenn sie nicht ohnehin häusliche Verrichtungen hatten.

Bei dem Allen war Philippine nicht ganz ungebildet. Erstlich hatte sie einen lebhafteren natürlichen Verstand, als ihre Mutter. Zweitens ereignete sich aber auch ein Umstand, wodurch einige Entwickelung dieser Anlage entstehen konnte, und wirklich entstand.

Vor Jahr und Tag hatten sich Lunds Geschäfte dergestalt erweitert, daß er, neben den gewöhnlichen Ladendienern, eines Buchhalters bedurfte. Er hatte zeither die Verrichtungen desselben theils allein besorgt, theils den ältesten seiner Ladendiener dazu gebraucht. Dieser ging nun von ihm ab; von den übrigen hatte keiner die nöthigen Kenntnisse, und überdem war, wie schon gesagt, der Kreis, in welchem man sich tummelte, bei weitem größer geworden.

Als Lund damal einen Buchhalter suchte, war es nicht leicht, einen nach seinem Wunsch zu finden. Junge Handelsbeflissene von Erziehung und mannichfachen Kenntnissen pflegten ein gutes Gehalt, gute Beköstigung, und eine anderweitige gute Behandlung zu wollen. Lund verlangte nun mehr Kenntnisse, als er selbst hatte: der Buchhalter sollte in französischer, englischer und italiänischer Sprache Correspondenz führen, was Lund nicht verstand, was aber geschehen mußte, in so fern er die zeither nur auf Deutschland beschränkten Geschäfte über dessen Gränzen hin ausbreiten wollte. Disconto und Handel mit Papiergeld waren nicht mehr so lebhaft wie sonst; Lund hatte namhafte Summen liegen, und mußte sehn, wie er den größtmöglichen Ertrag davon zöge. Trieb er indeß auch manchen Großhandel, so lebte er doch immer noch auf dem Fuß eines Kleinkrämers; ja, selbst bei dem kleinsten unter den Kleinkrämern würde man wohl kaum eine so armselige Lebensweise gefunden haben. Unter diesen Umständen wollte er zwar bei seinem Buchhalter ungemein große Kenntnisse, aber ihn nur schlecht besolden und schlecht beköstigen. Auch sollte der Buchhalter sich – mitunter wenigstens – gefallen lassen, daß er schlecht behandelt würde; denn in dem, was man behandeln nennt, ging Lund mit seinen Ladendienern gar wenig zart um: sie mußten Rippenstöße und andere handgreifliche Weisungen hinnehmen, und wurden nicht allein in der dritten Person angeredet, sondern häufig auch in den Vocativen der Substantive Esel, Schlingel, Lümmel u. s. w. Dies hatte freilich die Folge, daß keiner so leicht ein halbes Jahr bei ihm aushielt.

Als er sich jetzt an der Börse in seiner Absicht umthat, und die Mäkler um junge Handelsbeflissene mit vorzüglichen Kenntnissen befragte, gab es deren wohl, die ein Unterkommen suchten, doch nicht Einen, der es bei Lund finden wollte. Wurde ihnen nur der Name genannt, so hörten sie auch schon auf, von der Sache zu sprechen, und die Mäkler waren also nicht im Stande, Herrn Lund ein taugliches Subjekt nachzuweisen. Einige Monate blieb dessen Absicht unerfüllt; dann meldete sich aber ein hübscher junger Mensch von selbst bei Herrn Lund, mit der Anfrage: ob er bei ihm die Stelle eines Buchhalters bekommen könne.