»Noch Eins! Man hat nur eine Kammer; auf eine geheitzte Stube lasse ich mich nicht ein.«

Ich bin jung und nicht frostig.

»Am beßten auch, ein junger Mensch wärmt sich das Blut durch Arbeit. Nun – wann will man anziehn?«

Noch heute; in diesem Augenblick, wenn Sie es befehlen.

»Gut; so setz' Er sich gleich an den Schreibtisch.«

In dem Augenblick, wo sich Lund in den wirklichen Principal des Buchhalters verwandelt hatte, verwandelte er auch das bisherige man in die Anrede Er. Andere Buchhalter würden ihm die dritte Person mindestens zurückgegeben haben; Ketter hingegen war so bescheiden, daß er sich gefallen ließ, was Herrn Lund gefiel.

Dieser hatte auch späterhin nicht die mindeste Ursache, Ketters Anstellung zu bereun. Er verrichtete die ihm aufgegebenen Geschäfte nicht allein pünktlich, sondern brachte auch, durch seinen klugen Rath, dem Brotherrn manchen namhaften Vortheil. Er aß und trank so mäßig, wie es ein Harpagon nur verlangen konnte; und waren am Abend die Comptoirgeschäfte vollendet, hatte er nichts dagegen, wenn Lund ihn anwies, mit seiner Frau und Tochter Spezereien zu verlesen, oder Düten zu kleistern. Ungemein selten ging er Sonntags aus, und immer kam er schon nach einer Stunde zurück. In allen Stücken konnte Lund sowohl auf die strengste Redlichkeit, als auf seinen treusten Eifer, den Nutzen der Handlung zu fördern, bauen.

Hatte indeß der Kaufmann, bei so vielem Vortheil, keinesweges Ursache zur Reue, so ärgerte er sich dennoch über den Buchhalter; besonders, als das erste Vierteljahr zu Ende ging. Lund war so weit entfernt, ihm nun eine Gehaltszulage zu bewilligen, daß er vielmehr an einen Abzug dachte. Bei den Ladendienern pflegte das immer zu geschehn; sie hatten irgend etwas zerbrochen, das ihnen zu einem viel höheren, als dem wirklichen, Preise angerechnet wurde, oder es fehlte irgend etwas; genug, Herr Lund verkürzte ihnen den Lohn, und nicht selten bekamen sie gar nichts, oder mußten wohl noch zugeben. Einen ähnlichen Anlaß konnte nun der Principal bei seinem Buchhalter nicht auffinden, wie emsig er auch danach suchte; ja, nicht einmal eine Ursache, ihn zu schelten. So konnte er auch, wenn beim Ablauf des Vierteljahrs Ketter etwa an die ausbedungene Zulage erinnerte, ihm nicht das Mindeste vorwerfen, um die Anschuldigung zu begründen: er sei nicht zufrieden genug mit seinen Diensten, um sein Gehalt zu erhöhen. Deshalb brach er manche Gelegenheit vom Zaun, den jungen Menschen zu schelten. Doch auch hier wurde ihm nur Geduld entgegengesetzt, und als die ersten drei Monate verflossen waren, erinnerte ihn Ketter nicht an jene Bedingung, sondern ließ das kleine Gehalt auch ferner gelten.

Die Abendstunden, wo Ketter sich mit den Frauenzimmern beschäftigen mußte, hatten indeß ihre Nebenwirkungen. Lund pflegte dann oben in eine wohlverwahrte Kammer zu gehn, die seine baaren Summen, und solche Papiere enthielt, wovon Andere nichts wissen sollten. Stundenlang schloß er sich dort ein, zählte, rechnete und schrieb. In seiner Gegenwart sprach Ketter von nichts als von Geschäften, und meistens nur, wenn er befragt wurde; an die Frauenzimmer richtete er nie ein Wort; es hatte das Ansehn, als wäre der junge Mann zu blöde und verlegen dazu.

So verhielt es sich aber in der That nicht; denn sobald Lund sich entfernt hatte, erzählte Ketter Jenen Manches von den großen Städten, worin er sich aufgehalten hatte, oder knüpfte andere Gespräche an, in welchen er sich geistreich genug zeigte. Das unterhielt die so einsam gehaltenen Frauenzimmer angenehm; besonders merkte Philippine eifrig auf Ketters Reden, und zog manche Belehrung daraus. Ihre Mutter hatte nichts dagegen, und sie selbst schöpfte immer mehr Vertrauen zu dem jungen Mann. Er äußerte sich nun auch offen über den Umstand, daß Philippine so wenig Unterricht bekommen hätte, da, bei ihren vortrefflichen natürlichen Anlagen, ihr doch ein mannichfacher zu wünschen sei. Frau Lund sagte: Zu so etwas giebt der Alte kein Geld her; ich selbst sehe wohl ein, daß es Schade um Philippinchen ist, die hier ganz versauern muß, kann aber nichts dabei thun. Nun erbot sich Ketter, in den Abendstunden zuweilen aus einem guten Buche vorzulesen. Jene ließ das gern geschehn, hörte selbst mit großem Vergnügen zu, und willigte auch ein, daß Philippine solche Bücher mit in ihre Schlafkammer nehmen, und sich dort noch daraus belehren konnte. Der junge Mann schrieb ihr auch kleine Aufgaben nieder, mit denen sie sich einsam beschäftigen sollte. Daß man dies Alles vor Lund geheim halten mußte, versteht sich von selbst.