So gelangte Philippine nach und nach zu verschiednen nützlich belehrenden Schriften. Ketter gab ihr Wilmsens Kinderfreund, Raffs Naturgeschichte, Campens Rath für seine Tochter, einige auserlesene Schauspiele, einige Romane von moralischer Tendenz, und mehr, was Geist und Herz bilden konnte. Je angenehmer Philippinen die neuen Beschäftigungen wurden; desto mehr Zeit wendete sie darauf, so viel sie es vor ihrem Vater konnte. Noch kein Jahr war verflossen, und man hätte sagen mögen: mit Philippinen habe sich ein halbes Wunder ereignet. Das sonst kalte, stumme, oder einsilbige Mädchen, an dem nur bisweilen ein lebhaftes Augenblitzen, oder hie und da eine wohl treffende, aber doch übel ausgedrückte Bemerkung ein nicht ganz gewöhnliches Geschöpf ahnen ließ, zeigte nun tiefes, warmes Gefühl, helles Urtheil, nicht selten gar muntern feinen Witz, und hatte im Gedächtniß mannichfache Kenntnisse aufgesammelt. Hatte das – scheinbare – Gänschen sich dergestalt umgewandelt, so konnte man auch bei der Mutter (die Lund eine wirkliche Gans nannte) einige auffallende Entwicklung nicht verkennen. Wenigstens hatte sie mehr Umsicht, als ehedem, wußte die Menschen richtiger zu beurtheilen, und vertraute den eignen Augen mehr.

Daß Lund von den Veränderungen, die mit Beiden vorgegangen waren, wenig merkte, war natürlich. Einmal verbargen sie sich klug vor ihm, und zweitens hatte er den Kopf zu voll von Geschäften, als daß er auf die Frauenzimmer sorgsam hätte achten mögen. Auch sprach er mit ihnen immer nur vom Nöthigen, oder schalt über das Erste Beßte. Ließ man sich dort einmal unvorsichtig ein kluges Wort entfallen, so rief er: »Sehe doch Einer! die Philippine wird am Ende gar naseweis! Willst Du schweigen?« Oder auch: »Die Gans will noch auf ihre alten Tage klug thun.«

Daß Philippine durch Ketters mündliche Unterhaltungen einen starken Impuls auf Gemüth und Verstand bekommen hatte, litt übrigens keinen Zweifel. In dem letzten Vierteljahre hatte sie oft auch Gelegenheit, ihn allein zu sprechen. Es geschah während der sonntäglichen Spaziergänge ihrer Eltern, welche sie, bei dem Mangel an einem neuen Kleide, nicht begleiten konnte. Indeß war Ketter viel zu rechtlich, Mißbrauch von diesen Annäherungen zu machen; er unterrichtete Philippinen nur um desto eifriger über moralische und andere nützliche Gegenstände.

Philippine hatte jetzt auch einige Begriffe von männlicher Liebenswürdigkeit, und die mochte sie hauptsächlich wohl in dem letzten Vierteljahre bekommen haben. Ketters Gestalt war nicht unedel; er kleidete sich zwar ärmlich und wenig zierlich, Philippine hatte indeß nur selten wohlgekleidete junge Männer gesehn, da sie nirgend hinkam. Uebrigens hatte sie wenig natürlichen Hang zum Putz, und daher war ihr auch der Anzug eines Mannes ziemlich gleichgültig. So viel sah sie indeß wohl, daß Ketter, wenn er sich in eine elegante Kleidung würfe, andern artigen Männern keineswegs in der äußern Anmuth nachstehn würde, die sie einer solchen Kleidung verdankten.

Um so niedergeschlagner mußte sie aber seyn, als sie vernahm, daß ein von ihrem Vater gewählter Bräutigam sich ihr zeigen würde. Die Mutter war mit ihr besorgt, wußte ihr aber keinen Trost zu geben; denn Lund hörte auf keine Einreden, trat ihnen stets vielmehr mit Hitze und Härte entgegen, und setzte zuletzt immer despotisch seinen Willen durch.

Nur Eine Hoffnung behielt Philippine noch, in dem Fall, daß sie dem Bräutigam etwa nicht gefiele. Es war ihr daher lieb, in schlechter Hauskleidung vor ihm erscheinen zu müssen; sie schwärzte diese Kleidung noch absichtlich am Küchenherd, und machte sich auch noch selbst einige Rußflecken in das Gesicht. Daneben beschloß sie, gebeugt und linkisch aufzutreten, und auf Alles, was der Bräutigam sie fragen würde, so dumm und albern als möglich zu antworten.

Die Mutter sagte zwar: Ich kenne Herrn Kauser nicht, habe auch sonst nichts von ihm gehört; es wäre aber doch möglich, daß wir uns Beide irrten, und daß der Vater einen Mann ausgesucht hätte, der Dir gefallen könnte. Also ist es nicht klug gehandelt, wenn Du ihm zu mißfallen suchst.

Nein, nein! sagte Philippine; er wird mir nicht gefallen! Das weiß ich, ehe ich ihn noch gesehn habe!

Endlich rollte eine mit schwarzem Tuch überzogne Kutsche vor. Zwei schwarz gekleidete Männer stiegen aus, Herr Lund und Herr Kauser. Die Luft war durch Regen gerade sehr trübe, und die Wohnstube hinter dem Spezereiladen hatte nur Ein Fenster in den etwas engen Hof, so daß es auch an hellen Tagen hier ziemlich dunkel blieb; und vollend bei solchem Wetter, als heute.

Philippinens ohnehin trübes und finstres Gesicht bekam folglich nur ein sehr mattes Licht; und da die Lilien und Rosen darin von den schwarzen Flecken entstellt wurden, so that ihre Schönheit so gut als gar keine Wirkung.