So rannte er davon, und bemerkte nicht, daß sich der vorhin mäßige Herbstregen in einen Platzregen verwandelt hatte, den man beinahe einen Wolkenbruch hätte nennen mögen. Es war ziemlich weit nach dem Polizeiamt. Jupiter pluvius drang durch den schwarzen leichten Rock, und überschwemmte die Oberfläche des Körpers zum zweiten Male. Heiße und kalte Nässe vertrugen sich nun so schlecht, daß aus ihrem Zwiespalt ein Zwiespalt zwischen Lunds Leib und Seele entstand, dessen Natur gewiß irgend ein Arzt den Lesern gern erklären wird, wenn sie ihn höflich darum fragen.
Genug, Lund erkältete sich plötzlich auf seinen glühenden Zorn, und fiel, ehe er noch das Polizeiamt erreicht hatte, auf der Straße nieder. Daß er gerade in einen Rinnstein fiel, und daß einige Zeit verging, ehe man ihn aufhob und ins Trockne brachte, vermehrte die Folgen der Erkältung bis zu einem sehr hohen Grade.
Bei einem Platzregen gehen natürlicher Weise schon wenige Menschen aus dem Hause, und in einem Rinnstein kann man länger unbemerkt bleiben, als mitten auf dem Fahrdamm.
Erst nach einer Viertelstunde wurde Lund gesehn, und erkannt, doch im Anfang für betrunken gehalten, bis verständige Leute bemerkten; der, bei seinem Geitze, habe sich gewiß nicht betrunken; ihm sei eine Ohnmacht, ein Krampf, wo nicht gar ein Schlagfluß, zu gestoßen.
Endlich zog man den Röchelnden aus der Tiefe, und schaffte ihn mit einem Tragsessel in seine Wohnung. Ehe dies geschah, untersuchte noch ein vorbeigehender Chirurgus seinen Zustand.
Als vorhin die beiden Schwarzen weggeeilt waren, thaten die zurückgebliebnen Frauenzimmer, was Frauenzimmer unter solchen Umständen zu thun pflegen: sie ließen Klagen auf Thränen folgen, und dann wieder Thränen auf Klagen. Dem Buchhalter fiel das Trösten anheim, obwohl er selbst Trost bedurfte. Er sagte indeß: Standhaft, gute Philippine; man kann und darf Sie nicht zwingen. Wenn Ihre Mutter sich nicht zur Einwilligung bewegen läßt, so muß ihr Wort doch auch gelten. Ich kann nun nicht mehr im Hause bleiben, ob ich es gleich mit Schmerz verlasse. Eine Verhaftung besorge ich zwar nicht, will auch vor jedem Richter vertreten, was ich gethan und gesagt habe; Herr Lund hat mir aber den Dienst aufgekündigt. Nun, meine Bücher sind in Ordnung. Nur eine kurze Anweisung für meinen Nachfolger, und ich kann noch heute gehn.
Philippine bat ihn weinend, zu bleiben, und sie in der Noth nicht zu verlassen. So lange es möglich ist, soll es geschehn, erwiederte Ketter; allein Ihr Vater wird auf meine Entfernung dringen, wenn er weiter nichts vermag. O Philippine, ich weiß nun, daß Sie mich ein wenig lieben. Welche Glückseligkeit, und welches Entsetzen zugleich für mich, da meine Trennung von Ihnen jetzt nothwendig ist, und da ich nun überzeugt bin, von Ihrem Vater nie mein Glück hoffen zu dürfen!
Ketter, sagte Philippine ermannt; ja, ich liebe Sie! Zu sehr haben Sie meine Achtung und meine Dankbarkeit gewonnen, als daß ich je einem Andern meine Hand geben könnte. Braucht mein Vater Gewalt, so sag ich noch am Altare Nein, und rufe die Gesetze zu Hülfe. Doch sagen Sie mir, Sie, der Sie mich mit so vielem Guten, Rechten, Edlen und Schönen bekannt gemacht haben: würde es in meiner Lage unrecht seyn, wenn ich zu entfliehn suchte? Als Kammerjungfer, vielleicht sogar als Lehrerin, fände ich wohl ein Unterkommen. Schwer würde es mir freilich seyn, mich von der guten Mutter zu trennen; das müßte ich aber ja auch, wenn ich den verhaßten Kauser heirathete. In jenem Fall wüßte sie mich doch vor dem schrecklichsten Unglück gesichert.
In dem einzigen Fall, erwiederte Ketter, daß Ihr Vater seine Absicht mit Gewalt durchsetzen will, halte ich es für erlaubt, daß Sie entfliehn. Auf meinen – anspruchlosen – Beistand können Sie dann sicher zählen.
Ich will selbst helfen, schluchzte die Mutter, allen Zorn meines Mannes tragen. –