Sie hatte, wie man sieht, etwas mehr Fassung, als er; denn sie hörte doch, was er sagte, und daß es nicht ganz richtig schien. Er dagegen hatte so wenig recht gewußt, was er sagte, als er recht hörte, was sie antwortete. Beide dankten eigentlich dem Himmel, daß sie doch einige Worte hervorgebracht hatten, weil es die Schicklichkeit so gebot. Das Fräulein zeigte etwas mehr Gegenwart des Geistes im Reden, weil die weibliche Natur es so mit sich bringt. Daß Lisuart dagegen beim Tanz sie darin übertroffen hatte, rührte vielleicht davon her, daß er schon einige Mal öffentlich getanzt, Luise aber heute den ersten Versuch machte.
Nach und nach kamen Beide doch mehr und mehr ins Gespräch. Luise erzählte, daß sie zum ersten Mal mit ihrer Mutter in D*** sei, was sie bereits an schönen Sachen gesehn habe, und noch sehn werde, und mehr dergleichen. Ihr Vater, sagte sie auch, der zu Hause geblieben wäre, hätte ihr prophezeiet, sie würde sich recht wundern. Lisuarts Angst verlor sich auf einer Seite; denn er vernahm allmählig, was seine Nachbarin sagte, und konnte dazwischen erzählen: wie es ihm in D*** ergangen sei, und noch gehe; auf der anderen Seite aber stieg diese Angst. Denn er fing an, ein ihm bis dahin ganz unbekanntes wunderbares Vergnügen zu fühlen, als er so mit Luisen redete. Und weil er so oft über das, was ihm Vergnügen gemacht, Tadel, Scheltworte, selbst Ohrfeigen und Fuchtel bekommen hatte, fing er an zu fürchten: daß ihm dieses Vergnügen aller Vergnügen noch etwas viel Schlimmeres zuziehen würde.
Zu seinem Erstaunen klopfte ihm aber der Hauptmann auf die Schulter, und betheuerte bei Ehre und Reputation: so wäre es recht!
Er setzte bei der Abendtafel sich wieder zu jener Dame, und Lisuart mußte neben Luisen Platz nehmen. Der junge Mensch betrug sich fein und angemessen, tanzte hernach noch einmal mit dem kleinen schönen Fräulein, und Beiden ließ sich kein Fehler mehr vorwerfen. –
Am nächsten Morgen kam sein Aufseher in seine Stuben: Was ist das! sagte er; Sie haben gewiß das Licht brennen lassen, und sind darüber eingeschlafen. Der Teufel! so kann ja Feuer entstehn.
Das noch glimmende Licht war ganz herunter gebrannt, und der junge Mensch hatte noch die Kleidung von gestern Stück für Stück auf dem Leibe.
Ich habe, erwiederte Lisuart verwirrt, ein nöthiges lateinisches Exercitium gemacht, und bin darüber nicht zu Bette gegangen. Es war ja schon zwei Uhr, als wir nach Hause kamen.
Eigentlich verhielt sich die Sache so. Lisuart empfand, als er vom Ball nach Hause kam, auch nicht die mindeste Neigung zum Schlaf. Des Fräuleins Bild tanzte ihm unaufhörlich vor dem innern Auge: immer klangen ihre Worte, und die Musik der beiden mit ihr getanzten Tänze, ihm vor dem innern Ohr, und dies machte ihm wieder ein neues, so hohes Vergnügen, daß er sich ihm weit lieber, als dem Schlaf überließ. Es stand ein Klavier auf seinem Zimmer. Er bekam Unterricht in der Musik, hatte aber bis jetzt nur sehr geringe Fortschritte gemacht; theils, weil seine Neigung zu dieser Kunst nicht groß war, theils auch weil sein Lehrer darin nicht zu den vorzüglichsten gehörte. Dieser hatte seinem Schüler binnen einem Jahre eine alte sogenannte Klavierschule mit ganz leichten Anfangsstücken gebracht, etliche Sonaten der Art von Vanhal und Pleiel, auch eine Operette von Hiller, die Ouverture daraus zu lernen; allein der Schüler hatte bis jetzt sehr wenig begriffen.
Nur die alte Operette hatte ihn gewissermaaßen angezogen, weil sie Lisuart und Dariolette hieß. Der Mensch ist nun einmal so, daß er seinen Namen gern gedruckt sieht. Ein Kupfer am Titelblatt, welches einen jungen stattlichen Ritter im Harnisch vorstellte, pflegte er oft anzusehn, und auch einige der leichten Gesangmelodieen aus dem Werk zu klimpern.
Jetzt, indem er so im Zimmer umherging, und der eben entflohenen Stunden dachte, fiel ihm auch das Musikbuch in die Augen, und er betrachtete nun zum ersten Male mit Antheil die junge Dame, welche im Kupfer neben dem Ritter stand. Bald setzte er sich an das Klavier, und es schien ihm ganz anders zu klingen. Er schlug Einiges von dem auf, was der Ritter Lisuart von seiner Liebe singt, und es ergriff ihn gewaltig. Ihm dünkte, als wären es seine eignen Empfindungen; und viel geläufiger, als sonst, konnte er jetzt die Noten lesen, und die Finger rühren. Noch mehr hingerissen fühlte er sich bei dem Gesang der Dame in den Worten: