Doch in recht eigentliche Schwermuth sank er, als am nächsten Balltag Luise nicht mehr zu sehen war; auch späterhin nicht mehr kam. Endlich gewann er es, mit großer Mühe, über sich, den Hauptmann, als sie im Dunkeln nach Hause gingen, zu fragen: wo die fremde Dame geblieben seyn möchte – von der Tochter sagte er doch nichts –, neben welcher er, der Hauptmann, neulich gesessen hätte.
Ich weiß nicht, bekam er zur Antwort; vermuthlich ist sie abgereis't.
Noch schwerer ging Lisuart an die Erkundigung: wie sie heißen, und wo sie wohnen möchte?
Der Hauptmann betheuerte, von dem Allen kein Wort zu wissen, und fügte hinzu: Aha, junger Patron! Ich will des Teufels seyn, wenn Sie nicht in die Tochter verliebt sind. Nun, recht gut das. Wenn sich ein junger Mensch verliebt, fängt er auch an, etwas auf sich zu halten. Ich wette, nun werden die Fuchtel nicht mehr nöthig seyn.
Behüte! rief Lisuart; wie kommen Sie darauf! Die Fuchtel anlangend – nun, die werde ich mir künftig verbitten, Ihnen aber auch keine Gelegenheit dazu geben, Herr Hauptmann!
Bravo, erwiederte dieser; das soll mir recht lieb seyn.
Er schrieb dem Herrn Bruder nun auch: der Sohn fange recht ernstlich an, sich zu bessern; und schickte Zeugnisse von den Lehrern mit, die ungemein vortheilhaft klangen.
Lisuart machte jetzt in der That Fortschritte, die man ihm nicht zugetraut hätte, und er selbst hatte mit jedem Tage eine höhere Freude daran. Auf der anderen Seite war es ihm aber so schmerzlich, Luisen nicht mehr zu sehn, und ihren Aufenthalt nicht zu wissen, daß eine merkliche Blässe im Gesicht seinen Gram offenbarte.
So kam der Frühling heran, und nun erst fand er die schönen Umgebungen der Stadt sehr anziehend. Er schweifte oft darin umher, mit irgend einem Dichter in der Tasche, um ihn da oder dort, auf einem Felsen sitzend, zu lesen. Darüber entzündete sich in seiner eignen Brust poetisches Feuer. Er staunte, als er die ersten Versuche niedergeschrieben hatte, daß es ihm auch gelänge, Verse zu machen. Zum Theil enthielten sie Erinnerungen an jenes Beisammenseyn mit der geliebten Luise; zum Theil Sehnsucht nach Wiedersehn; doch einige enthielten nur Lob der schönen Natur. Die letzteren wies er dem Quintus vor, der sie verbesserte, und ihm aufmunternde Lehren, und Rath gab, was er zur ferneren Ausbildung seines Geschmacks lesen müsse; und mit den Worten endete: Sagt' ich es doch voraus, daß hier Genie wäre.
Natürlicher Weise freute sich der Jüngling hierüber. Als er dann Shakespear, Schiller und Göthe las, verzweifelte er bald, Genie zu haben, bald glaubte er wieder, daß es ihm nicht ganz daran fehle. Genie des Gefühls, meinte er doch, könne man ihm nicht absprechen.