Er kam nach Secunda, und ein halbes Jahr später nach Prima. Nun hatte er die meisten von seinen Mitschülern, die ihm vorangeeilt waren, wieder eingeholt. Freude hierüber, die zufriednen Briefe seines Vaters, und die süße Zerstreuung, welche ihm die Poesie gewährte, scheuchten nach und nach aus seinem Herzen den Gram der Liebe, doch keineswegs die Liebe selbst, welche sich vielmehr in seiner Brust immer stärker befestigte. Er machte allerlei Entwürfe, Luisen auszumitteln, und sich zu bestreben, daß er bald, wie sein Vater es wünschte, ein Amt erlangen möchte, um Luisen dann seine Hand anbieten zu können.

Im Herbst erklärte man ihn fähig, die Hochschule zu beziehn, und Jena wurde für ihn ausgewählt.

Ein neuer Lebenskreis, Freiheit, und Gelegenheit sich jugendlichem Frohsinn zu überlassen, wie zuvor nie! Lisuart hatte jedoch keine Neigung, wilden Ergötzlichkeiten nachzugehn, und suchte Freunde von ähnlichem Sinn. Außer den Rechtswissenschaften, trieb er philologische mit beinahe übermäßigem Eifer, und zeichnete sich sogar unter den fleißigern und musterhaften jungen Musensöhnen noch aus.

Durch die mannichfachen, von ihm eingesammelten, Kenntnisse lernte er auch sich selbst mehr kennen. Jetzt sah er wohl ein, daß, wenn er Luisen nicht gesehn hätte, nie diese Neigung zu den Wissenschaften in ihm erwacht seyn, und daß er vielmehr leicht dahin gekommen seyn würde, auf eine ihm höchst nachtheilige Weise die akademische Freiheit zu mißbrauchen. Zu seiner Liebe gesellte sich noch Dankbarkeit für sein Erwachen zu einem edleren Leben, wodurch die Liebe noch mehr Nahrung bekam, und ihm in einem schönern Lichte erschien.

In den nächsten Sommerferien machte er eine Fußreise; wie er vorgab, die schöneren Gegenden von Sachsen zu sehn, eigentlich aber, Luisens Wohnort zu entdecken. Sie hatte einmal in ihrer Unterhaltung mit ihm gesagt: In D*** bin ich noch nicht gewesen, wohl aber schon einige Mal in Leipzig, weil dies nicht so weit von uns ist. Hieraus schloß nun Lisuart, ihr väterliches Gut müsse in der Gegend von Leipzig liegen, und nahm sich vor, eine solche Runde zu machen, daß er es nicht verfehlte.

Die Mühe war indeß vergeblich. Wie sorgfältig er auch jedes Dorf besuchte, das einen Herrenhof hatte, wie genau er auch die Gestalten der Mutter und Tochter beschreiben mochte: es glückte ihm nicht, das Gewünschte zu erfahren, und er mußte endlich unverrichteter Sache nach Jena zurückkehren, was ihn denn tief betrübte.

Als er neunzehn Jahre alt war, dachte er: nun ist Luise im sechzehnten; als er das zwanzigste antrat: nun wird sie in das siebzehnte treten – O, Gott, wenn mir Jemand zuvorkäme!

Er entschloß sich, an den Hauptmann zu schreiben, und ihm sein Geheimniß halb und halb zu entdecken. Es müsse sich ja, schrieb er weiter, in D*** wohl erforschen lassen, wer jene Dame gewesen sei; der Vorsteher der Ballgesellschaft werde sie ohne Zweifel kennen. Er ließ die angelegentlichste Bitte folgen, daß sich der Hauptmann nach ihr erkundigen möchte.

In der Antwort auf diesen Brief hieß es: Der Vorsteher aus jener Zeit sei gestorben, und alles anderweitige Nachfragen habe wenig gefruchtet.

Lisuart besuchte im nächsten Jahr seinen Vater, der ihn mit großer Freude und Herzlichkeit empfing. Der Sohn ließ auch hier etwas von seinem innern Zustand merken; da sagte aber sein Vater: Oho! jetzt schon an eine Heirath zu denken, ist zu früh! Und ich habe übrigens halb und halb ... ein sehr wohlhabender alter Freund, der eine einzige Tochter hat, die auch recht schön und gebildet seyn soll ...