Lisuart galt sonst für einen schönen Officier; jetzt aber hätte sein Anblick Entsetzen erregen können. Man denke sich zu einem starken, dunkelbraunen Bart die bleiche Todtenfarbe und die bis an die Augen reichenden Binden!

Der gerettete Gutsbesitzer ließ in seinem Hause ihm ein Zimmer zurecht machen, und einen Wundarzt aus der nächsten Stadt rufen, der um ihn bleiben mußte. Erst nach einigen Tagen bekam Lisuart einen Theil seines Bewußtseyns wieder, das indeß öftere Anfälle vom Wundfieber störten. Zusammenhängendes Denken ward ihm ungemein schwer; seine Ideen durchkreuzten sich, wie im Wahnsinn, denn der feindliche Säbel war sehr tief eingedrungen. Auch sah er nicht recht hell, und der Wundarzt verhehlte ihm nicht, daß sein Leben noch immer in Gefahr schwebe.

Als die ersten Durchmärsche vorüber waren, herrschte in dem abgelegenen Dorf mehr Ruhe. Dies that ihm wohl, und an Pflege ließ sein dankbarer Wirth es nicht fehlen. Eines Abends hörte er im Nebenzimmer zu einem Pianoforte singen. Die Stimme dünkte ihm vorzüglich schön, die Fertigkeit ausgezeichnet. Es schien, als ob durch die Musik sein Fieber nachlasse, sein Schmerz sich vermindre, und sein Kopf freier würde.

Als der Gutsbesitzer – was oft geschah – ihn besuchte, sagte Lisuart: Ich hörte da eben sehr schön spielen und singen; Musik ist mein größtes Vergnügen. Wenn ich des Vergnügen öfter hätte, so würde es viel zu meiner Genesung beitragen.

Es war meine Tochter, erwiederte der Andere; so oft Sie es wünschen, soll sie singen und spielen. Was kann sie weniger für ihren edelmüthigen Retter thun!

Von nun an spielte und sang das Fräulein oft; und, so wie Davids Harfe Sauls Melancholie vertrieb, so wirkte auch hier die Gewalt schöner Töne auf einen zerrütteten Seelenzustand. Mit jedem Tage besserte sich nun auch die Wunde, und freiwillig, obgleich befremdet, gestand der Arzt: er zweifle, ob, ohne Beihülfe einer so lieblichen Anregung der Lebenskräfte, der Rittmeister zu retten gewesen seyn würde.

Nach einigen Wochen war des Kranken Bewußtseyn vollkommen deutlich, und das Wundfieber hatte sich verloren. Nur die Augen blieben noch schwach, weshalb der Arzt die Fenster dicht verhängen ließ.

Zuweilen brachte der Herr vom Hause seine Tochter mit, welche dann jedes Mal dem Rittmeister für ihre Rettung dankte. Ihre Unterhaltungen schienen nicht minder zu wirken, als ihr Gesang und Spiel; Lisuart meinte: so geistvoll habe er noch keine Dame reden hören. Sie erbot sich auch, ihm bisweilen vorzulesen. Er lehnte das zwar, als zu gütig, ab; aber dennoch blieb sie dabei, ihren Retter auch auf diese Art zu unterhalten. Sie ging dazu in das Nebenzimmer, und ließ die Thür offen, weil sie in dem halb finstern Krankenzimmer nicht hätte sehen können.

Eines Tages brachte sie einen Band Gedichte mit, und sagte ihm, daß diese zu ihrer Lieblingslectüre gehörten. Wie staunte der Rittmeister, als sie ihm nun aus Lisuarts poetischen Versuchen vorlas. Die Empfindung, womit sie es that, erregte bei ihm Rührung, Stolz und – Gewissensvorwürfe. O Gott! dachte er, sollt' ich dies Fräulein nicht lieben? nicht treulos an Luisen geworden seyn, der ich doch in meinem Herzen ewige Liebe geschworen habe?

Doch bald dachte er auch: Luisen habe ich seit vier Jahren nicht gesehen, und vielleicht sehe ich sie nie wieder.