»Junker Ernst hat recht, Herr,« erwiderte Josephine schüchtern; »laßt uns das Spiel aufgeben.«

»Nichts da!« sprach Hans, »hier paß auf! – Schach!« Dann rief er mit dröhnender Stimme: »Williswinde! Wein her! aber anderen, besseren, der den jungen Herren ein wenig ins Blut geht, damit sie gut schlafen! Sie bleiben die Nacht hier; rüste das Gastzimmer für sie!«

Williswinde gehorchte flink dem Befehle ihres Herrn und brachte Wein und brennende Kerzen nebst einem Imbiß von Brod und kaltem Fleisch, was sie alles schon in Bereitschaft gehalten hatte. Ernst prüfte mit Sorge den schwereren Wein, denn er wußte von dem Tage bei der Schmiedeschenke, welche Herzenswallungen der Wein in Josephine hervorbrachte. Diese zitterte am ganzen Körper; ihr Antlitz glühte, schon ehe sie an dem neuen Tranke genippt hatte, und fortan spielte sie in großer Zerstreutheit.

Lange Zeit wurde kein Wort gesprochen, und aller Augen waren auf das Schachbrett gerichtet. Josephine trank öfter und ward immer unruhiger und erregter. Ihre Gedanken waren ganz wo anders, als hier bei dem langsamen Spiel, das sie doch mit wenigen Zügen sei es auch zu ihren Ungunsten, beenden konnte, wenn sie gewollt hätte.

Ernst war in einer Lage von der abenteuerlichsten Art. Es trat da mit sinnberückendem Locken eine Versuchung an ihn heran, der zu widerstehen dem Dreiundzwanzigjährigen nicht leicht wurde. Er ahnte, nein, er wußte, was in Josephine vorging. Sollte er in herber Entsagung das schöne Mädchen von sich stoßen? Wer konnte soviel Tugend von ihm verlangen? – Richilde! antwortete ihm die Stimme seines Herzens, und entschlossen war er, der Versuchung, so weit er es vermochte, aus dem Wege, zu gehen. Hans verlangte, daß seine beiden Gäste die Nacht in seinem Gastzimmer bleiben sollten, was Ernst schon unzählige Male getan hatte und wogegen er dem Oheim keinen stichhaltigen Hinderungsgrund anführen konnte, wenn er ihm nicht Josephinens wahres Geschlecht verraten wollte. Das wollte er jedoch nur im äußersten Notfall, und der leichtlebige Junker würde ihn mit seiner Gewissensstrenge einem hübschen Judenmädchen gegenüber wahrscheinlich gründlich ausgelacht haben. Er mußte auf andere Mittel sinnen, wie er sich und die mit ihm darin Verstrickte aus dieser verführerischen Gefangenschaft befreien könnte.

Nach einem Zuge Josephinens mit ihrer Königin sagte Hans fast unwillig zu seinem Partner: »Du scheinst nur unter vier Augen gut Schach spielen zu können. Wenn ein Dritter zusieht, so ist es mit deiner Kunst zu Ende. Oder willst du mich mit Absicht das Spiel gewinnen lassen? Das wäre kein ehrlicher Kampf. Nimm den Zug zurück, oder deine Königin ist verloren.«

Josephine hatte nur in ihrer großen Erregung und Zerstreutheit den fehlerhaften Zug getan, den sie nun schnell verbesserte. Aber sie war so überwältigt von dem, was ihr den Busen durchstürmte, daß sie alle Ruhe und Besonnenheit verloren hatte, und nach einiger Zeit bot ihr Hans Schach und wieder Schach und setzte sie endlich matt.

Darüber war es beinahe Nacht geworden. Das Gewitter entlud sich nicht über dem Tale, sondern in einiger Entfernung, aber die Donner hallten über die Berge herüber, und die Blitze durchleuchteten die Dunkelheit.

»Nun wollen wir noch einen Krug alten Roten trinken und dann zur Ruhe gehen,« sagte Hans. »Euer Schlafgemach wird bereit sein.«