»Gute Nacht! – Gute Nacht auch du, mein Junge!« sagte Hans, »komm wieder, wann du willst; sollst mir stets willkommen sein.«

Die beiden gingen heim. Als sie über die Zugbrücke hinaus waren, legte Ernst Josephinens Arm in den seinen und führte sie behutsam durch die finstere Nacht den Burgweg hinab. Mit Mühe nur bekam er aus der Schweigsamen heraus, wie sie zu seinem Oheim auf die Burg gelangt war. Hans war ihr im Tale begegnet; sie hatte ihm auf seine Frage gesagt, daß sie der Sohn Isaak Zachäus' wäre, der jetzt in Herrn Bliggers Diensten auf der Mittelburg wohnte. Hans hatte sie weit gefragt, ob sie auch das Horoskop stellen könnte, was sie verneint, ob sie Schach spielen könne, was sie bejaht hatte. Darüber erfreut, hatte er sie aufgefordert, ihn auf seine Burg zu begleiten, um mit ihm zu spielen, und sie war ihm gefolgt.

Als Ernst und Josephine sich oben in der Mittelburg trennten, blickte sie ihn nicht an und erwiderte nicht den Druck seiner Hand.

Still suchte sie ihr Lager auf, doch es dauerte lange, ehe die mächtig Erregte den ruhigen Schlummer fand. Ihr Blut wallte, und weit heftiger, als die Erbitterung über die ihr durch Ernsts geflüsterte Worte zugefügte Kränkung, gärte in ihrem Herzen das tief empörte Gefühl verschmähter Liebe.


Elftes Kapitel.

Auf der Minneburg war schon seit einer Reihe von Tagen kein gutes Wetter. Zwar die Sonne schien, die Blumen blühten, und die Vögel sangen hier wie überall im schönen Neckartal; aber die Menschen schienen ihre frühere Munterkeit verloren zu haben, und wenn einmal ein fröhliches Lachen im Zwinger oder im Palas erschallte, so kam es nur von Sidoniens übermütigen Lippen, denn auch die empfindsame Hiltrud war mehr oder weniger von den Wolken beschattet, die jetzt auf Julianens und Richildens sonst so heiteren Stirnen lagerten.

Juliane nahm weniger als bisher an den Vergnügungen der jungen Mädchen teil, hielt sich meist abgeschlossen von ihnen und war bei Tisch, oder wenn sie abends mit ihnen auf der großen Terrasse saß, von der man in den Zwinger hinabsah, mißmutig, wortkarg und von einer auffallenden Gereiztheit, die selbst beim unschuldigsten Anlaß hervorbrach, und unter der die Mädchen, besonders Richilde, viel zu leiden hatten.