Die in Ungnade Gefallenen suchten den Grund von Julianens verändertem Wesen in einem nachhaltigen Verdruß über das plötzliche Erscheinen der beiden Junker Landschad auf der Minneburg. Der ungebetene Besuch von zwei Mitgliedern der ihr verfeindeten Familie mußte ihr im höchsten Grade lästig gewesen sein, und sie mußte sich darüber geärgert haben, daß jenen ihr Wunsch, den verpfändeten Wald einzulösen, durch Richildens Schwatzhaftigkeit verraten und der Vergleich infolge des unbilligen Verlangens der Landschaden, den Wildbann behalten zu wollen, dann doch nicht zustande gekommen war.

Mit dieser Auslegung trafen die jungen Sibyllen nur in dem einen Punkte das Richtige, daß Julianen das Bekanntwerden ihres Wunsches den Landschaden gegenüber allerdings sehr unangenehm war. Ja, hätten diese die erste Anregung dazu gegeben und ihr durch einen unbeteiligten Dritten übermitteln lassen, so nähme sie eine ganz andere Stellung dabei ein und könnte die Bedingungen ihres Gewährens vorschreiben. Diesen Vorteil hatten jetzt ihre Gegner, die nun die Großmütigen spielten und so taten, als wenn sie ihr mit dem Anerbieten eines für Juliane so ungünstigen Vergleichs noch eine besondere Gefälligkeit erwiesen, die sie überhaupt, auch bei lockenderen Vorschlägen, von jenen anzunehmen nicht gewillt war. Das verdankte sie der unberufenen Einmischung Richildens, und damit erklärte sich ihr Groll auf diese.

Richilde selbst glaubte für die Unfreundlichkeit ihrer Mutter gegen sie noch einen anderen Grund zu wissen, den sie aber ihren Freundinnen vorläufig noch nicht zu offenbaren gedachte.

Als Isaak Zachäus gekommen war, um den Damen das Horoskop zu stellen, hatte Juliane den Mädchen gesagt, daß der Sterndeuter dabei auch die verborgensten Gedanken und Wünsche eines Menschen erführe. Er hatte also auch Richildens Herzensgeheimnis in den Sternen gelesen, es zugleich mit dem Befunde des Horoskops ihrer Mutter enthüllt, und diese wußte nun, daß sie den Junker Ernst – einen Landschaden – im stillen liebte. Das war es, was ihr die Mutter nicht verzieh. Wie das Bewußtsein einer schweren Schuld lag diese Erkenntnis auf ihrer jungfräulichen Seele und erfüllte sie mit banger Sorge, denn sie mußte sich sagen, daß Juliane nun und nimmer ihre Einwilligung zu einer Verbindung ihrer Tochter mit dem Sohne ihres verhaßtesten Feindes geben würde, falls nicht vorher eine vollständige Aussöhnung zwischen ihr und den Landschaden stattgefunden hatte. Auf eine solche war aber bei dem unbeugsamen Sinne Julianens nicht die geringste Aussicht.

So dachte Richilde und ahnte nicht, in welch großem Irrtum sie durch die Angst ihres Herzens befangen war. Ihre Mutter wußte nichts von ihrer Liebe zu Ernst, und Julianens übellaunige Stimmung hatte ganz andere Gründe.

Die sehr selbständige Frau war keineswegs unzufrieden mit sich, daß sie den ihr von gegnerischer Seite gemachten Vorschlag zunächst abgelehnt hatte; aber sie hatte gehofft, daß man in Neckarsteinach größeren Wert auf eine Versöhnung mit ihr legen, ihr neue Vorschläge machen und vor allem, daß Hans damit wiederkommen würde. In dieser Hoffnung sah sie sich getäuscht. Schon zehn Tage waren seit dem Besuch des ehemaligen Freundes vergangen, und noch immer nicht warf die Sonne seinen Schatten wieder auf den Weg zur Minneburg. Hatte sie ihn wirklich so schnöde behandelt, daß er nicht zu ihr zurückzukehren wagte, mindestens die Lust dazu verloren hatte? Sie rief sich jeden Augenblick des kurzen Zusammenseins mit ihm in das Gedächtnis zurück, sein Auftreten und Benehmen ihr gegenüber, seine Worte und den Ton, mit dem er sie gesprochen, jeden Blick, mit dem er sie angesehen hatte, und endlich seinen raschen, fast ungestümen Aufbruch.

Es war ihr so vorgekommen, als wenn er nur auf einen schicklichen Anlaß gewartet hätte, sich so schnell wie möglich wieder aus dem Staube machen zu können, froh, des widerwillig übernommenen Auftrages, mit oder ohne Erfolg, entledigt zu sein. Wozu aber war er dann überhaupt gekommen? Allerdings, war es den Landschaden wirklich um eine Versöhnung mit ihr zu tun, so war Hans der erste von ihnen, in dessen ausgestreckte Hand auch sie wieder die ihrige legen konnte, und der einzige, der imstande war, eine Anknüpfung zwischen ihr und den anderen einzuleiten, nachdem sie selber das freundliche Entgegenkommen der beiden Frauen so entschieden zurückgewiesen hatte, daß sie von diesen keinen weiteren Schritt zur Annäherung erwarten durfte. Diesen groben Verstoß gegen die Formen der Höflichkeit hatte sie bald danach bereut, war aber zu stolz gewesen, ihn einzugestehen und gutzumachen. Bligger hatte die Beleidigung seiner Frau der Hochmütigen tief ins Kerbholz geschnitten und sich dafür mit höhnischen Bemerkungen und mancherlei kleinen Feindseligkeiten an ihr gerächt, so daß die gegenseitige Erbitterung eine immer schärfere, die Kluft zwischen ihnen eine immer weitere geworden war und man den ersten, so geringfügigen Anstoß, wie im Leben der Ritter eine rasch ausgekämpfte Fehde und eine kurze Gefangenschaft war, darüber längst vergessen hatte.

Wer war es nun, der den Frieden mit ihr suchte? frug sich Juliane. Wenn der Gedanke, ihr den Wunsch nach Wiedererlangung des Waldes zu erfüllen, von Hans ausgegangen wäre, so hätte dieser ihr wohl bessere Bedingungen gestellt oder wenigstens die Verhandlungen darüber bereitwillig mit ihr weitergeführt und womöglich zum Abschluß gebracht. Und Bligger? der tat ihr nichts zuliebe. Wenn er es war, der sich durch Hansens Vermittelung scheinbar um ihre Gunst bemühte, so hatte der verschlagene Mann auch irgendeinen Hintergedanken dabei, eine Nebenabsicht, die ihm die Hauptsache war, und mit der er sicher nichts Gutes für sie im Sinn hatte. Ein vorteilhaftes Geschäft war die Entpfändung des Waldes für die Landschaden nicht; Juliane wußte sehr wohl, daß derselbe weit mehr wert war, als die darauf lastende Schuld betrug. Sollte sich aber Hans von seinem Bruder zu irgendeiner Tücke gegen sie gebrauchen lassen? Das konnte sie dem alten Freunde nimmermehr zutrauen.

Was hatte ihn aber so lange von ihr ferngehalten? Wäre er nach Zeisolfs Tode zu ihr gekommen, – vor ihm hätte sie die Brücke nicht aufziehen lassen, er hätte keine Tür in ihrer Burg verriegelt gefunden. Und warum kam er auch jetzt nicht wieder? War in ihm alles erkaltet und erstorben, was einst heiß und stark genug gewesen war, sie beide wider Pflicht und Gewissen zueinander zu treiben? War die ganze, erinnerungsvolle Zeit, in der sie, jeder der eigenen und der Liebe des andern bewußt werdend, sich sehnsüchtig gesucht, sich langsam genähert und endlich in einem Augenblick des Hingerissenseins sich glückberauscht gefunden hatten, aus seinem und ihrem Lebensbuche wie eine falsche Rechnung gestrichen? Oder – sollte es möglich sein? – wie ein Blitz durchfuhr sie der Gedanke – war die schlummernde Liebe doch wieder erwacht in ihm und er, die Verhandlungen über den Wald zum Vorwand nehmend, nur gekommen, um zu sehen und zu hören, wie sie jetzt gegen ihn gesonnen, ob sie, wie damals, noch heute bereit wäre, sein eigen zu werden? War er darum gekommen, dann mußte er mit der Überzeugung wieder gegangen sein: es ist alles vorbei! Sie selber hatte ihn zurückgewiesen und mit der Antwort heimgeschickt, daß sie keinen Frieden mit ihm wolle. Damit wußte er, was er wissen wollte, und kam nicht zum zweiten Male wieder. Sie aber konnte ihn nicht zurückrufen und ihm sagen: Behaltet den Wald und nimm mein Herz noch dazu, Hans Landschad!

Sie hatte im Erker gesessen, bald mit ihrer Stickerei beschäftigt, bald die Hände müßig im Schoße haltend und ihren quälenden Gedanken hingegeben. Jetzt erhob sie sich und sah auf den Burgweg hinab, auf dem sich nichts Lebendes blicken ließ. »Armes, einsames Weib!« seufzte sie, »Herrin der Minneburg, auf der kein Minneglück blüht!« Die Wangen brannten ihr, sie drückte die Hand auf den wallenden Busen. »O wenn du wiederkämst, Hans Landschad!« flüsterte sie, »du solltest nicht unerhört von dannen gehen!«