Dann eilte sie hinaus und wußte nicht wohin; das Gemach, die Burg, die Welt war ihr zu eng. –
Die drei jungen Mädchen waren auf dem jenseitigen Ufer des Flusses in Neckargerach gewesen, wo Juliane einen Hof besaß, dessen Meier die Minneburg mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen versorgte. Von dort zurückgekehrt, hatten sie sich unterhalb der Burg ein einsames Waldplätzchen aufgesucht, um an dem heißen Tage hier im Schatten ein wenig zu ruhen. Es war eine Stunde vor Mittag und tiefe Stille ringsumher. Die jungen Schönen hatten sich auf das weiche Moos gestreckt und sich einem süßbehaglichen Nichtstun und Nichtsdenken hingegeben. Hiltrud lag etwas abseits von den beiden anderen, und bald verrieten ihre regelmäßigen Atemzüge, daß sie eingeschlafen war. Da hörte Sidonie von Richildens Seite her einen langgedehnten Seufzer, und das Haupt zur neben ihr ruhenden Freundin wendend, frug sie: »Wohin ging denn der schwere Seufzer?«
Richilde gab keine Antwort, und Sidonie fuhr fort: »Nun gesteh' es nur! ich glaube, er hat sein Ziel nicht weit von Neckarsteinach.«
»Wenn du es weißt, warum fragst du noch?« sagte Richilde traurig.
»Das klingt ja so hoffnungslos, als wenn du an Ernst Landschads Liebe noch zweifeln müßtest.«
»Sprich den Namen nicht aus! sonst fallen hier die Blätter von den Bäumen,« erwiderte Richilde, schnell sich halb aufrichtend und auf den Ellenbogen stützend.
»So ist's recht!« lachte Sidonie, ihrem Körper dieselbe Lage gebend wie Richilde, »so ein bißchen Spott und ein bißchen Trotz hab' ich gern; daran sehe ich, daß du Mut hast, und das ist die Hauptsache. Nun laß uns einmal vernünftig miteinander reden; es wird darum kein Blatt vom Baume fallen. Daß du Ernst liebst, hab' ich schon lange gemerkt; nun sage mir: glaubst du, daß er dich wieder liebt?«
»Ich weiß es nicht,« flüsterte Richilde leicht errötend.
»Weißt du nicht. Nun, dann will ich's dir sagen: ja! er liebt dich wieder; hier meine Hand darauf! Glaubst du's nun?«
»Ach Sidonie! wie glücklich wär' ich, wenn du recht hättest!« sprach Richilde leuchtenden Blickes die Hand der Freundin drückend. »Aber –,« sie stockte, schlug die Augen nieder und seufzte.