Ernst hatte sich, als er das Gemach, in welchem der Familienrat stattfand, voll Unmut verlassen hatte, zu Katharina und Sidonie in die Laube begeben, und dort hatten sie zu dreien gesessen und geplaudert. Als dann nach einer Weile die Burgfrau sich entfernte, um einen Blick in die Küche zu werfen, wie sie sagte, und Ernst mit Sidonie allein ließ, sprach diese: »Ich habe dir auch Grüße von der Minneburg zu bestellen, Ernst! einen von Hiltrud und tausend –«

»Von Richilde?!« rief er freudig erregt.

»Ja von Richilde,« bestätigte Sidonie.

Von diesen tausend Grüßen waren freilich mindestens neunhundertundneunundneunzig gelogen. Als Sidonie gestern abend ihren beiden Freundinnen mitgeteilt hatte, daß sie im Auftrage Julianens nach Neckarsteinach reiten würde, hatte sie sich Richilden zu jeder Liebesbotschaft an Ernst bereit erklärt; diese hatte es jedoch in jungfräulichem Zartgefühl abgelehnt, ihm irgendein Wort oder Zeichen der Liebe zu senden, ehe er ihr nicht selber seine Neigung gestanden hätte. Als aber Sidonie heute früh in Gegenwart Julianens, Hiltruds und Richildens zu Pferde gestiegen war, hatte Hiltrud ihr zugerufen: »Bestelle Ernst einen Gruß von mir!« Darauf hatte Sidonie Richilden mit einem nicht mißzuverstehenden, fragenden Blick angesehen, und diese hatte zustimmend ein ganz klein wenig mit dem Kopfe genickt. Aus diesem stummen Kopfnicken hatte Sidonie die tausend Grüße gemacht, die Ernst nun glücklich einheimste.

»Wie dank' ich dir und ihr!« rief er, »und wenn du morgen zurückreitest, so wollt' ich, ich könnte mit.«

»Komm doch mit!« sagte sie, »ich bürge dir für einen guten Empfang, besonders bei Richilde; sie wäre glücklich.«

Ernst schüttelte traurig den Kopf. »Der Vater will es nicht. Aber morgen früh breche ich die schönste Rosenknospe, die sich über Nacht erschließt, daß du sie Richilden überbringst. Könnt' ich sie nur bald einmal wiedersehen!«

»Hast du sie denn wirklich lieb, Ernst?«

»Ach, Sidonie! mehr als mein Leben!«