Ernst seufzte: »Einmal muß sie es doch erfahren, und was dann?«
»Nur immer den Kopf oben, Ernst! Kommt Zeit, kommt Rat,« tröstete ihn Sidonie.
Jetzt kehrte Frau Katharina zu den beiden zurück, und sie mußten das Gespräch abbrechen. Bald erschien auch Bligger in der Laube und setzte sich zu ihnen. Sidonie erzählte nun von dem Leben auf der Minneburg, hatte manche Frage Bliggers und Katharinas zu beantworten und war stets bemüht, Julianens Wesen und Tun und Treiben in das hellste Licht zu stellen, und die Landschaden für sie einzunehmen und immer günstiger zu stimmen. Sie gab ihnen zu verstehen, Juliane sehnte sich förmlich nach ihnen und dem freundschaftlichen Umgang, wie sie ihn in früheren Jahren miteinander gepflogen hatten, und wenn sie nicht gefürchtet hätte, abgewiesen zu werden, wie sie es nach ihrem unverzeihlichen Benehmen freilich nicht besser verdiente, so hätte sie sicher schon selber Schritte getan, das alte, gute Verhältnis wiederherzustellen.
Das ging nun wieder weit über das hinaus, was Sidonie zu sagen einen Auftrag und was sie zu behaupten ein Recht oder auch nur einen stichhaltigen Grund hatte; doch es war gut gemeint und verfehlte auch seine von ihr beabsichtigte Wirkung nicht. Katharinas Augen blickten sehr freundlich dabei, und Bligger strich sich in seiner Genugtuung darüber schmeichelnd den Bart.
Der Tag verging allen schnell mit kurzweiliger Unterhaltung, zu der Sidoniens sprudelnde Laune das meiste beitrug. Der eigentliche Zweck ihres Besuches wurde mit keinem Worte mehr erwähnt.
Später kam Hans und ebenso Konrad mit seiner Gattin, Frau Agnes, zur Mittelburg hinüber, und die ganze Familie saß nun vereint in der hohen Gartenlaube bei Imbiß und Wein. Sidonie, die schöne und kluge Gesandtin der Minneburg, war der gefeierte Mittelpunkt des fröhlichen Kreises. Alle huldigten ihr, als hätten sie nur ihrer Freundschaft und ihrer Gewandtheit und Staatskunst im kleinen den glücklichen Erfolg oder wenigstens die gesicherte Aussicht darauf zu verdanken. Sie ließ sich das wohl gefallen, hatte aber auch ihrerseits für jeden ein verbindliches Wort oder einen neckischen Scherz auf den beredten Lippen.
Es war ein köstlicher Juniabend. Die Rosen blühten, und die Drossel schlug. Die Gebäude und Türme der Burg mit ihren Vorsprüngen, Dächern und Zinnen hoben sich scharf von dem klaren Himmel ab, und oben im Blauen hing die schmale Mondsichel und fing an, sich mehr und mehr zu vergolden. Unten im Tal, aus dem die Wellen des Neckars im Abendlicht heraufblinkten, und drüben auf den Bergen, zu denen der Blick von der Laube frei hinüber schweifte, lag ein wonnesamer Friede, der wie Duft und Tau der herandämmernden Nacht nicht nur die Blumen und Bäume, sondern auch die Menschen umwob und ihnen erquickliche Ruhe in die Seele goß.
Alle, die hier saßen, gaben sich der süßen Labung empfänglich hin. Nur zwei waren mit ihren Gedanken anderswo, als hier in der Laube; das waren Vater und Sohn. Ernsts Sehnsucht strebte über die dunkelnden Berge hinweg gen Osten der Minneburg zu, und die nie rastende Geschäftigkeit Bliggers, der als gebietender Häuptling seiner Sippe für alle denken und für alle handeln zu müssen glaubte, wob unablässig an dem Netze, mit dem er das arglose Herz seines vergnügt neben ihm sitzenden Bruders zu umgarnen gedachte.
Jetzt winkte er Sidonien, wandelte mit ihr einen Gartenweg entlang und begann in einiger Entfernung von der Laube zu ihr: »Sidonie, wenn du morgen früh heimreitest, wird dich Hans nach der Minneburg begleiten, um Frau Julianen meinen Bescheid zu überbringen.«
»Die Begleitung ist mir angenehm, lieber Ohm,« sprach Sidonie, »aber der Beschluß, statt meiner den Ohm Hans zum Überbringer deiner Willensmeinung zu wählen, zeugt von geringem Vertrauen zu meiner Vermittelungsgabe.«