Hatte sie schon etwas gemerkt? Dann wäre es besser, ihr alles zu sagen und Verschwiegenheit dafür zu verlangen, anstatt sie raten zu lassen, was sie durch kein Gelöbnis des Schweigens gebunden, jedem sagen konnte, wem sie wollte. Noch einmal schwankte Bligger; aber in diesem Augenblick rief Hans: »Ein frischer Krug, Bligger! kühl aus dem Keller! macht ein Ende mit euren Geheimnissen und kommt wieder her!«
Das nahm Bligger als einen Wink des Schicksals, Sidonien nichts zu sagen, kam herzu und setzte sich mit ihr wieder in den Kreis der Seinigen.
Sie hatten in den Ring an einem Pfosten der Laube eine Fackel gesteckt, deren rötliche Flamme die Gesellschaft und den Tisch mit allem, was darauf stand, hell beleuchtete, während durch eine Öffnung im Blättergerank des Laubendaches der Rauch bei der herrschenden Windstille nach oben abzog.
Da saß die Ritterfamilie mit dem gefürchteten Namen einmütig und behaglich zusammen mit ihrem jungfräulichen Gaste. Sie plauderten und lachten; die Frauen hielten die tagsüber fleißigen Hände müßig im Schoß, und die Männer ließen ihre Becher nie lange voll und nie lange leer stehen.
Dort oben aber auf einem kleinen, aus dem Giebel eines Burggebäudes vorspringenden Altan stand, unbemerkt im Dunkel der Nacht, eine schlanke Gestalt und blickte mit brennenden Augen in die helle Laube hinein, aus welcher dann und wann ein lustiges Wort oder ein von Herzen kommender Ausbruch des Frohsinns zu der Lauscherin herüber drang. Sehnsuchtsvoll, schmerzvoll hob und senkte sich ihre Brust; niemand gedachte der Einsamem, niemand begehrte ihrer; was Glück und Freude war, konnte sie nur nach dem ermessen, wie sie es bei anderen Menschen sich äußern sah; ihr selber hatten in der Stunde der Geburt die Sterne nicht günstig, nicht glückverheißend gestanden.
Dreizehntes Kapitel.
Bligger kannte seinen Bruder Hans. Als dieser am andern Morgen im Hofe der Mittelburg erschien, um Sidonien abzuholen, hatte er richtig seinem Rappen das kostbarste Zaumzeug auflegen lassen, als ob er zu einem festlichen Turnier zöge. Der Sattel aus Hagebuchenholz war mit Blumen und Ranken bemalt. Die darunter liegende Satteldecke, deren Zipfel fast bis zur Erde hinab hingen, war aus schwarzem Seidenstoff, goldumsäumt, mit goldenen Harfen bestickt und unterhalb gelb gefüttert. Der Bauchgurt, die Zügel und die Riemen der silbernen, reich verzierten Steigbügel waren bunt gesteppt und mit breiten Borten prächtig geschmückt, und der hirschlederne Brustriemen des Pferdes war dicht mit silbernen Schellen behangen, die bei jeder Bewegung des Tieres lustig klingelten. Der Ritter selber trug ein purpurrotes Brokatwams, ebenfalls mit den goldenen Harfen bestickt, und einen schönen Pfauenhut auf dem langgelockten Haupte.
Bligger übergab ihm den zusammengefalteten Pfandbrief über Julianens Wald, und Hans steckte das wichtige Schriftstück sorglich in die Tasche, die ihm an dem edelsteinbesetzten Gürtel hing. Sidonie nahm freundlichen Abschied von ihren Wirten, wobei sie Bligger und Ernst noch einmal bedeutungsvoll zunickte zum Zeichen, daß sie sich der ihr von beiden gewordenen Aufträge sehr wohl erinnerte und sie pünktlich ausführen würde. Dann hob Ernst sie mit Kraft und Geschicklichkeit in den Sattel ihres Schweißfuchses, und sie und Hans ritten frohgemut zum Burgtor hinaus. An Sidoniens schöngewölbter Brust prangte eine frisch gepflückte, eben aufbrechende Rosenknospe.