Hans ritt diesmal mit ganz anderen Empfindungen nach der Minneburg als das vorige Mal. Er trug Julianens Wald, sozusagen, bei sich in der Tasche, freute sich fast kindlich darauf, ihn ihr mit ein paar ritterlichen Worten zurückgeben zu können, und weidete sich in Gedanken schon an dem Anblick ihrer grenzenlosen Überraschung. In welcher Weise sie ihm ihren Dank bezeigen, und was weiter alles darauf folgen würde, darüber wollte er eigentlich nicht nachdenken, tat es aber unwillkürlich doch.

In der abgesagten, schwer beleidigt tuenden Gegnerin, die ihn bei seinem ersten Besuch so hochmütig behandelt hatte, sah er nun wieder das schöne, verführerische Weib, das sie ihm ehemals gewesen war. Darum war er auch durchaus nicht abgeneigt, allen Minnedank von Julianen freudig hinzunehmen, den sie, ohne daß er ihn forderte, ihm zu spenden etwa gewillt wäre, wenn sie ihm nur seine Freiheit ließ und nicht von ihm verlangte, sich untrennbar an sie zu binden. Aber wenn er nicht um sie würbe, – und dessen war er sicher – sie konnte ihn doch nicht, wie er und seine Brüder einst ihren befehdeten Gatten, mit Gewalt gefangennehmen und so lange einsperren, bis er sich, nicht mit einem meilenweiten Walde, sondern mit einem kleinen goldenen Fingerring aus einer Gefangenschaft löste, nur um in eine andere, lebenslange und in seinen Augen weit schlimmere zu verfallen. Ihm war die Aussicht eine höchst verlockende, wenn er sich ausmalte, daß ihm die schöne Frau die Erlaubnis erteilte oder gar das Recht einräumte, öfter wiederzukommen als verschwiegener Freund zur vertrauten Freundin, und sie beide in dem äußerlich fessellosen Bunde eines süßen Geheimnisses ein Glück genössen, das keinen Beobachter, keinen Neider und keinen Rächer hätte. Daß Julianens siebzehnjährige Tochter Augen und Ohren hatte und nicht mehr wie ein Kind aus dem Zimmer hinaus auf den Spielplatz oder zu Bett geschickt werden konnte, wenn der ersehnte Besuch kam, das bedachte der brave Hans nicht, als er im Sattel so schwärmerisch träumte.

Sidonie störte ihn nicht in seinen Betrachtungen, sondern ritt schweigend neben ihm, denn es ging ihr selber mancherlei durch den Kopf. Schon im Burghof war ihr Hansens ausgesucht prächtige Kleidung und das kostbare Sattel- und Zaumzeug seines Pferdes aufgefallen. Wenn er das schlichte Jagdgewand, das er beständig trug, für den Besuch bei einer Dame mit einem etwas gewählteren Anzuge vertauscht hätte, so würde sie das nur in der Ordnung gefunden haben, aber daß er sich Julianens wegen heute noch weit mehr, als das vorige Mal, und in einer Weise ausstaffiert hatte, als wollte er an den Hof des Kaisers, das gab zu denken. Vor allem jedoch lag ihr Bliggers geheimnisvolles Wesen am gestrigen Abend im Sinn und die Entscheidung, die nur ein Landschad selber und gerade Hans und nur unter vier Augen Julianen mitteilen könnte, und die auf eine Überraschung hinauslaufen sollte. Hm, hm! Hans und Juliane unter vier Augen! Wenn die beiden wollten, wie sie könnten, dann gäbe das ein Paar, so stattlich, so herrlich, so für einander geschaffen wie Adam und Eva im Paradiese. Am Ende war es Ohm Bliggers eigene Meinung, den Frieden auf die allerdings sehr überraschende Weise zu schließen, daß sich die beiden aus ewig miteinander verbinden sollten; denn daß er mit ihnen noch etwas Besonderes im Schilde führte, hatte sie aus seinen Reden wohl gemerkt. »Hans und Juliane, Ernst und Richilde, – zwei Paare für eines!« lachte sie in sich hinein. Freilich war ihr Hansens fast sprichwörtlich gewordener Abscheu vor der Ehe wohl bekannt, aber Juliane war eine Frau, die mit ihrem lebhaften Geist, ihrer jugendlichen Anmut und ihren hohen körperlichen Reizen auch den nüchternsten Mann bezaubern und fesseln mußte. Und der kraftstrotzende, auch noch in ungewöhnlicher Frische blühende Junker Hans sollte, trotz seines Ehehasses, hübschen Frauen und Mädchen gegenüber durchaus kein Herz von Stein in der Brust haben, wie Sidonie schon öfter gehört hatte. Für Ernst und Richilde war sie bereits der erwählte Liebesbote; wie, wenn sie nun auch noch Hans und Juliane zu ihrem Glück verhülfe! Sie würde stolz darauf sein, wenn sie auch diesen beiden die Brautkammer bekränzen könnte. Hätte doch Ohm Bligger ihr nur ein Wort gesagt, ihr nur einen Wink gegeben, wo sie anfassen sollte, um mit ihm an einem Strange zu ziehen! Und welchen Freundschaftsdienst würde sie damit Ernst und Richilde leisten! Denn wenn Juliane selber den einen Landschaden heiratete, konnte sie ihre Tochter unmöglich dem anderen versagen. Jedenfalls wollte Sidonie herauszubringen suchen, wie jene zwei miteinander stünden, und zu diesem Behufe jetzt Ohm Hans ein wenig auf den Zahn fühlen.

»Nicht wahr, Ohm Hans,« begann sie, »du standest früher auf ganz freundschaftlichem Fuße mit Juliane?«

»Gewiß!« erwiderte er, »wie kommst du zu der Frage?«

»O ich wünschte sehr, daß sich das alte, gute Verhältnis zwischen euch wieder herstellen ließe.«

»Das hängt nur von ihr ab,« sprach er, »und heute wird es sich zeigen, ob sie dazu geneigt ist.«

»So, heute! – Hast du gute Hoffnung darauf?«

»Wer kann das wissen, Sidonie! Du kennst sie ja; sie läßt sich nicht ins Herz blicken.«