Vierzehntes Kapitel.
Juliane war im Zweifel, was sie von Sidoniens Meldung, die ihr der allein heimkehrende Knecht am Abend überbracht hatte, denken sollte. Zunächst glaubte sie allerdings, daß Sidonie nur durch ihre Liebe zu Ernst bewogen sei, bis zum anderen Tage auf der Mittelburg zu bleiben. Dann aber sagte sie sich, daß jene trotzdem doch wohl zurückgekommen wäre, wenn sie ihr eine so wichtige Nachricht wie die unbemängelte, unverzügliche Annahme ihres Vorschlages seitens der Landschaden hätte mitbringen können. Man besann sich also noch, suchte Ausflüchte, machte neue Schwierigkeiten, wagte vielleicht gar, den Vorschlag ohne weiteres abzulehnen. Diese Vermutung schon erweckte Julianen ein solches Gefühl der Empörung über die Handlungsweise ihrer Gegner, daß sie bitter bereute, Sidonien nach der Mittelburg entsendet und sich dadurch einer kränkenden Zurückweisung ausgesetzt zu haben. Dabei zürnte sie Sidonien, daß diese nicht stolz genug gewesen war, auf der Stelle umzukehren, sobald sie das geringste Zögern und Schwanken bei den Landschaden wahrgenommen hatte. Mindestens hätte sie ihr durch Eberle doch eine Andeutung über die Lage der Sache zukommen lassen sollen statt der trockenen, nichtssagenden Anzeige, daß sie die Nacht über dort bleiben würde, die sie dem Knecht nicht einmal selber aufgetragen, sondern durch einen der Landschaden hatte befehlen lassen. Einen Augenblick brach, wie ein flüchtiger Sonnenstrahl aus dunklem Gewölk, in ihren Grimm der Gedanke hinein, daß Hans am Ende mitkommen könnte, um ihr die große Friedensbotschaft selber zu bringen. Wenn das geschähe, ja dann – dann sollte er ihr doppelt hochwillkommen sein; aber das wagte sie nicht zu hoffen. Auf alle Fälle wollte sie sich nicht überraschen lassen und ließ dem Türmer sagen: wenn er Fräulein Sidonie mit einem oder zwei ritterlichen Begleitern kommen sähe, so sollte er ins Horn stoßen. Auf dieses Zeichen wartete sie nun in einer für ihre Umgebung unnahbaren Stimmung.
Der halbe Vormittag verging auf der Minneburg in ununterbrochener Ruhe. Am Brunnenteuchel plätscherte das Wasser, das vom Berge her aus ziemlicher Entfernung der Burg in hölzernen Röhren zugeführt wurde. Dann und wann ging eine Magd dahin, um zu schöpfen. Weiprecht Kleesattel hinkte über den Burghof, und die reisigen Knechte lungerten am Tor und in den Ställen umher und gähnten. In den Bäumen des Zwingers zankten sich die Spatzen, und auf den Dachfirsten sonnten sich die Tauben.
Hiltrud und Richilde saßen verschüchtert im großen Palasgemach bei Juliane, die ihren gewohnten Platz im Erker innehatte. Doch keine sprach; auf allen lag eine beklemmende Schwüle.
Da plötzlich schmetterte das Horn des Türmers in die tiefe Stille hinein. Die beiden Mädchen sprangen geschwind zu Julianen in den Erker, und alle drei – Mutter und Tochter mit klopfenden Herzen – lugten erwartungsvoll zum Burgweg hinab, wo sie bald Sidonien mit Hans auf ihren Pferden erscheinen sahen.
Richildens Gesicht ward ein wenig bleich; Julianens Wangen röteten sich. Aber mein Gott! wie langsam ritten die beiden! So steil war der Weg doch nicht, daß man ihn so schneckenartig hinaufkriechen mußte. Endlich erreichten sie die Zugbrücke und ritten darüber und kamen ans Burgtor, und endlich waren auch die Schweife der Rosse darin verschwunden. Doch es dauerte noch entsetzlich lange Minuten, bis die Tür des Gemaches sich auftat und die beiden erschienen.
Hans blieb in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit wie eine heraufbeschworene Erscheinung auf der Schwelle stehen, um bei Sidoniens Begrüßung nicht hinderlich zu sein. Sidonie aber flog auf Juliane zu und rief: »Da sind wir, Frau Juliane! verzeiht, daß ich gestern ausblieb! Dafür sind wir auch heute geritten, daß die Funken stoben.«
Juliane konnte vor Erregung nichts erwidern, aber die Rose bemerkte sie an Sidoniens Brust und warf einen schnellen Blick von dieser in des Mädchens Gesicht. Dann ging sie Hans entgegen und sagte, ihm die Hand bietend: »Seid mir willkommen, Junker Hans!«