»Jedenfalls,« sprach Hiltrud, »muß, wer zuerst hinaufkommt, Frau Juliane auch sofort Mitteilung machen von dem, was sich hier ereignet hat. Und wenn wir Mädchen es sind, so ist es – ich bleibe dabei – Richildens Pflicht, es ihrer Mutter, sobald sie dieselbe wiedersieht, nicht eine Minute lang zu verheimlichen.«
»Nein, dann tue ich's,« sprach Sidonie. »Ich bin die älteste von uns dreien, ich werde mit Frau Julianen am besten fertig und will sie auf Ernsts Besuch schon so vorbereiten, daß er nachher nichts anderes in ihr findet, als eine ihn mit offenen Armen willkommen heißende Schwiegermutter.«
Bei dem Worte ›Schwiegermutter‹ zuckte ein flüchtiges Lächeln über Ernsts Gesicht. Er mußte an Ohm Hansens Gespensterfurcht vor Schwiegermüttern denken.
»Wenn es aber nun doch anders kommt und sie nein sagt?« frug Richilde mit einem leisen Seufzer. »Was dann?«
»Was dann? Dann läßt du dich von Ernst entführen,« lachte Sidonie.
»Um Gottes willen!« rief Richilde erschrocken.
»Sidonie weiß immer Rat,« lächelte Ernst. »Aber erst will ich einmal selber mein Heil bei der edlen Frau versuchen. Ich reite voraus, was mein Brauner laufen kann, und ihr drei folgt langsam nach, und wenn mir das Glück hold ist, so lasse ich den Türmer ein lustiges Stücklein von der Zinne herunterschmettern, daß ihr es schon von weitem hören sollt.«
»Still! wir werden belauscht,« rief plötzlich Hiltrud und deutete mit den Augen nach dem nahen Gebüsch hin.
Aller Blicke wandten sich der Stelle zu, wo sie eine hinter Sträuchern halb verborgene Gestalt entdeckten. Ernst sprang auf und eilte dahin, um der unliebsamen Störung nachzuforschen.
Da trat ihm zu seiner größten Überraschung Josephine entgegen.