Sie hatte ihn wohl verstanden und wußte, was er mit dem heute Geschehenen meinte. »Aha!« dachte sie, »Frau Juliane soll's noch nicht erfahren, wahrscheinlich weil man ihren Einspruch dagegen fürchtet, mindestens einen Aufschub, den zu wünschen sie ja Grund genug hat, und der auch anderen Leuten durchaus nicht unwillkommen wäre. Drehen wir das Glücksrad einmal links herum! ich kann mich ja verhört haben.« Mit diesem Entschluß kam ihr noch ein anderer Gedanke. Die selber Eifersüchtige nahm sich vor, eine andere auf sich eifersüchtig zu machen, und was sie sonst vor aller Welt zu verbergen bestrebt war, wollte sie jetzt absichtlich enthüllen und dazu benutzen, Zweifel und Zwietracht zwischen zwei eben erst vereinigte Herzen zu säen.
Sie entledigte sich ihres langen Rockes, hängte ihn an einen Strauch und stand nun in der kurzen, anliegenden Tracht, die ihre jungfräulichen Körperformen zeigte und jedem weiblichen Auge auf den ersten Blick ihr wahres Geschlecht verraten mußte. So ging sie zu dem Platz an der Buche zurück, wo sie die drei Fräulein noch in lebhafter Unterhaltung antraf.
»Fräulein,« begann sie mit angenommener Schüchternheit, »Junker Ernst läßt Euch noch sagen, Ihr möchtet das heute Geschehene Frau Juliane mitteilen.«
Mit höchst verwunderten Augen starrten alle drei die ganz veränderte Gestalt an, und ein halbunterdrücktes Lachen bei der einen und eine leichte Verwirrung und ein schnelles Erröten bei den anderen sagte der heimlich Frohlockenden, daß sie ihre Absicht erreicht hatte.
Sidonie, immer noch mit Lachen kämpfend, nahm zuerst das Wort zur Erwiderung und sprach: »Wir danken Euch und werden dem Wunsche Junker Ernsts treulich nachkommen.«
Dieser Wunsch erschien den drei Freundinnen durchaus gerechtfertigt, denn was war natürlicher, als daß Ernst, selber verhindert, nun sie ersuchte, Frau Juliane die von Kindespflicht, Sitte und Höflichkeit gebotene Mitteilung zu machen!
»Habt Ihr sonst noch einen Auftrag an Junker Ernst?« frug Josephine, nur um ein Gespräch anzuknüpfen, in dem sie vielleicht Gelegenheit fände, sich ihrer Vertraulichkeit mit Ernst zu rühmen.
»Einen Auftrag an Junker Ernst nicht, aber wohl eine Frage an Euch,« sagte Sidonie. »Wenn ich mich nicht getäuscht habe, so nannte Euch Junker Ernst, als Ihr ihm vorhin hier aus dem Gebüsch entgegentratet, zuerst Josephine und mich will bedünken, dieser Name käme Euch mit größerem Rechte zu, als der Name Joseph. Ist es so, oder irre ich mich?« frug sie, die volle schlanke Gestalt noch einmal von Kopf zu Füßen mit scharfem Blicke musternd.
»Ihr irrt Euch nicht; ich bin ein Mädchen,« sprach Josephine mit gesenkten Wimpern. Eine unwillkürliche Bewegung und ein leiser Ausruf des Erschreckens seitens der Fräulein war die nächste Folge dieses Geständnisses.
»Und Junker Ernst weiß das?« fuhr Hiltrud heraus.