»Er weiß es längst, aber sonst niemand außer ihm,« erwiderte Josephine. »Ihm allein habe ich mich rückhaltlos anvertraut, und ich bitte Euch inständig, edle Fräulein, es ihm nicht zu sagen, daß Ihr mich durchschaut habt.«
Da verging Sidonie die Lust zum Lachen. Es fiel ihr ein, daß Ernst, als sie ihm mit diesem sogenannten Joseph bei Neckarsteinach begegnet war, ihr erzählt hatte, er streifte mit ihm tagelang allein im Walde umher.
»Und er nannte sie seinen Freund!« flüsterte Hiltrud der neben ihr stehenden Freundin zu.
Richilde sprach kein Wort. Nicht daß schon irgendein Verdacht gegen den Geliebten in ihrer kindlich reinen Seele aufgestiegen wäre; aber ihr war doch beim Anblick dieses hübschen verkleideten Mädchens fast bang und traurig zumut, sie wußte selbst nicht warum.
Josephinens Erscheinung hatte allerdings in der jugendlich männlichen Tracht etwas unendlich Reizendes und Verführerisches, das selbst auf die jungen Mädchen seine Wirkung nicht verfehlte, zumal diese scheinbar nicht von einer ihres Geschlechts, sondern von einer blühenden Jünglingsgestalt ausging.
Und mit diesem verkleideten Mädchen schien Ernst, als alleiniger Mitwisser ihres Geheimnisses, auf sehr vertrautem Fuße zu stehen. Hatte er der berückenden Kraft des Zaubers widerstanden, der im Wesen dieses Mädchens lag? und würde er ihr auch auf die Dauer widerstehen, wenn er noch länger dem Einfluß desselben ausgesetzt bliebe?
So dachte die kluge Sidonie und sann darauf, diesen gefährlichen Zauber zu brechen.
»Warum tragt Ihr männliche Kleidung, Jungfer Josephine?« frug sie.
»Mein Vater verlangt es, und auf unseren beständigen Wanderfahrten geht es auch nicht anders,« erwiderte Josephine. »Aber da mir der lange Rock beim Gehen hinderlich ist, streife ich ihn ab, wenn ich mich vor Entdeckung sicher glaube. Als mir nun Junker Ernst jetzt die Bestellung an Euch auftrug, mit der ich eilen mußte, wenn ich Euch hier noch treffen wollte, nahm ich mir nicht die Zeit, mich wieder zu verhüllen, nicht bedenkend, daß ich mich Euch dadurch verraten könnte.«
»Hat Euch Junker Ernst schon so gesehen?«