»O ja!« lächelte sie, »er sieht mich so am liebsten, und sobald ich mit ihm allein bin, muß ich mich stets von dem Rocke befreien.«
Dabei warf sie einen beobachtenden Blick auf Richilde, in deren Zügen sie schadenfroh den Ausdruck von Unruhe und Unbehagen bemerkte. Richilde kehrte sich ab, um ihren Verdruß vor den Augen der sie unverschämt Dünkenden zu verbergen.
»Wie lange bleibt Ihr noch auf der Mittelburg?« frug Sidonie wieder.
»Wahrscheinlich noch lange Zeit,« erwiderte Josephine; »Herr Bligger will meinen Vater nicht aus seinen Diensten entlassen.«
»Dann tätet Ihr besser, Euch züchtig in weibliche Kleidung zu hüllen; auf der Mittelburg droht Eurer Tugend, wenn sie sonst echt ist, keine Gefahr,« sprach Hiltrud mit scharfer Betonung.
»O macht Euch um mich keine Sorge, Fräulein!« gab ihr Josephine spöttisch zur Antwort. »Ich stehe unter dem ritterlichen Schutze dessen, der mich seinen Freund nennt.«
Schnell wandte sich Richilde und warf ihr zornrot ins Gesicht: »Vergeßt nicht, daß Ihr eine Jüdin seid!«
Josephine biß zuckend die Lippen zusammen. Sie mußte dabei wieder an die Worte denken, die Ernst seinem Ohm Hans nach dem Schachspiel zugeflüstert hatte, und aus ihren dunklen Augen schoß ein Blick wie ein vergifteter Pfeil auf die Beleidigerin.
»Richilde! wozu das?!« tadelte Sidonie die Aufgeregte. »Kommt! Frau Juliane erwartet uns,« fuhr sie dann fort, und zu Josephine: »Lebt wohl! und sagt Junker Ernst, es würde geschehen, was er wünschte.«