»Elisabeth,« erwiderte Juliane mit bebender Stimme, »ich kann dir nicht danken; du hast mir den letzten holden Traum meines Lebens zerstört.«

Die Hände der beiden Frauen berührten sich nur leicht und kühl; ihr Freundschaftsband hatte in dieser Stunde einen Riß bekommen.

Juliane saß, nachdem die Bringerin so niederschmetternder Kunde sie verlassen hatte, auf ihrem gewohnten Platz im Erker, wo sie schon so manches Freudige und Traurige in ihrem Leben durchdacht und durchkämpft hatte, und starrte in einem Gemütszustande, der nahe an Verzweiflung grenzte, stumm und regungslos vor sich hin.

Sie hatte sich, ihres früheren Verhältnisses zu Hans gedenkend und danach sein neuerdings gegen sie eingeschlagenes Benehmen erwägend, schon der Hoffnung hingegeben, daß er sie liebte. Daß er ihr seine Liebe noch nicht gestanden hatte, erklärte sie sich aus seiner etwas schwerfälligen, den Frauen gegenüber schüchternen Art und Weise, und aus seiner ihr nicht unbekannten Furcht vor der Ehe, deren allmähliche Überwindung sie sowohl seiner Liebe, wie auch der eigenen klugen Handhabung ihrer wiedergewonnenen Macht über sein Herz siegessicher zutraute. In einsamen Stunden waren ihr aus ihrer lebhaften Einbildungskraft schon glänzende Bilder einer glücklichen Zukunft aufgestiegen, die ihr nach den karg bemessenen Freuden ihrer ersten Ehe nun an der Seite eines hochherzigen und wahrhaft geliebten Mannes doppelt lockend erschien.

All das verheißungsvolle Licht, das ihr von ferne strahlte und ihr auf den Wegen ihrer sehnsüchtigen Wünsche näher und näher kam, und alle die Glut, die sie selber der Erfüllung dieser Wünsche entgegentrug, war durch die Mitteilung Elisabeths wie mit einem eiskalten Wassersturz verlöscht. Was Hansen zu ihr führte, war nicht Liebe, sondern Berechnung. Er brauchte eine Frau, irgendeine, gleichviel welche, und das nicht, um eine Familie zu gründen, einem Sohne dereinst sein Wappenschild und seine Burg zu vererben, sondern um das, was unter allen Umständen Zeit seines Lebens sein unantastbares Eigen blieb, auch nach seinem Tode nicht in fremde Hände kommen zu lassen. Er selber hatte also nicht einmal einen Vorteil davon, der ihm ohne Verheiratung entgangen wäre, sondern die Kinder seiner Brüder, falls ihm selber keine erwuchsen. Bligger also, der herrschsüchtige, ränkevolle Bligger, steckte dahinter. Darum hatte er ihr den Wald zurückgegeben; das war der Köder, der sie kirren sollte, damit die wieder Versöhnte die Frau seines Bruders würde. O, nun durchschaute sie die ihr von vornherein verdächtige Großmut ihres habgierigen Gegners. Ganz unbegreiflich war ihr nur, wie sich Hans zu einem so abscheulichen Spiel ihr gegenüber hergeben und ihr vertrauendes Herz so schmählich täuschen konnte. Dieser Gedanke war der sie am grausamsten marternde, diese Erfahrung die bitterste ihres ganzen Lebens.

In ihren Ängsten suchte sie hin und her nach einer noch so schwachen Hoffnung, und ob sich nicht irgendwie und wo wenigstens die Möglichkeit eines Mißverständnisses entdecken ließe. Es war ihr kein Zweifel, daß Bruno von Bödigheim seine Schwester mit diesen Enthüllungen gesandt und Elisabeth ihr den Sachverhalt so gehässig wie möglich dargestellt hatte. Um sich Gewißheit über ihr Schicksal zu verschaffen, wollte sie zu Engelhard von Hirschhorn reiten und ihn auf sein Ritterwort fragen, ob es wirklich ein solches Recht der Hagestolze gäbe, von dem sie noch niemals gehört hatte, und ob wirklich sie das auserlesene Opfer wäre, das man dem Ehehasser wider seinen Willen an die Seite schmieden wollte. Aber bei näherer Überlegung mußte sie diesen Plan verwerfen; denn sie würde zwar von Engelhard unbedingt die Wahrheit erfahren, ihm aber auch ihre Liebe zu Hans mit ihren Fragen verraten haben, was sie um alles in der Welt vermeiden wollte. Dann dachte sie daran, Sidonie nach Zwingenberg zu schicken, damit diese ihren Vater ausforschte; aber auch dem jungen Mädchen gegenüber schämte sie sich, ihre leidenschaftlichen Gefühle für Hans einzugestehen. Sie wollte diesen selber zu sich rufen und um Aufklärung angehen. Aber ihn kommen lassen und nach seinen Absichten fragen, als könnte sie es vor Verlangen und Ungeduld gar nicht abwarten, daß er um sie würbe? Unmöglich! Sie mußte schweigen und harren, bis er von selber käme mit seiner Frage; dann wollte sie ihm die Gegenfrage stellen, und wehe ihm, wenn seine Antwort noch einen Schatten von Argwohn in ihr zurückließ!

Sie war viel zu schwer verwundet in ihrem Herzen und viel zu sehr verwirrt in ihrem Kopfe, um sich mit einiger Ruhe sagen zu können: Was ist denn nun? Hans muß eine Frau nehmen, um nicht als Hagestolz zu sterben, und da er dich und keine andere liebt, so nimmt er natürlich dich und keine andere zur Frau, und dem nützlichen Zwecke verbindet sich ein beiderseits ersehntes Glück. Dieser Gedanke kam ihr aber nicht; sie gab schon im Voraus alles verloren und sah sich hilflos verlassen und verraten von dem einzigen Manne, in dessen Armen sie, wenn er sie geliebt hätte wie sie ihn, unaussprechlich glücklich geworden wäre.

Sie rang die Hände und aus ihren den Himmel anklagenden Augen brachen wieder die hellen Tränen hervor. Sie verhüllte das Antlitz und weinte bitterlich.

Als sie so, das Haupt auf den Tisch gestützt, saß und schluchzte, schlug plötzlich ein gellendes Gelächter an ihr Ohr, und unter dem geöffneten Fenster des Erkers hörte sie eine ihrer Mägde zu einem Knechte sagen: »Lauf' doch hin! um dich weine ich mir die Augen nicht aus!«