Bei Gott dem Allmächtigen! das Mädchen hatte recht. Und sollte sie, die Herrin der Minneburg, sich an Stolz von einer Magd überbieten, von einer Magd sich beschämen lassen? Nimmermehr! fort mit dem rinnenden Naß! die Landschaden sind keine Tränen wert! Sie erhob sich schnell, trocknete sich hastig die Augen, und das Tuch in den zitternden Händen zusammenknüllend sprach sie trotzig: »Lauf' auch du hin, Hans Landschad! stirb und verdirb als Hagestolz, laß dich vom Pfalzgrafen beerben und geh' und suche dein Glück – haha! dein Glück! – in einem Kloster, wie es dir der allwissende Jude prophezeit hat!«
Sie wollte hinaus, um das oft bewährte Mittel zu brauchen, sich im Sattel ihres Renners die trüben Gedanken vom Winde verwehen zu lassen.
Da traf sie in der Tür auf Sidonie. »Willst du mit, Sidonie?« rief sie in ihrer Erregung der Eintretenden zu, »einen Ritt! wir zwei allein, aber einen, wie nur wir beide ihn fertig bringen!«
»Ja!« sprach Sidonie kurz entschlossen und mit einem verwunderten Blick in das gerötete Antlitz der älteren Freundin, worauf diese ihrer Zofe den Befehl gab, sogleich satteln zu lassen.
Sidonie deutete sich Julianens aufgeregte Stimmung als den Ausbruch einer leidenschaftlichen Wallung ihrer Liebe zu Hans, an welcher die Jüngere längst nicht mehr zweifelte. Sie hielt daher die Gelegenheit, jener die ohnehin jetzt von ihr beabsichtigte Mitteilung von Ernsts und Richildens Verlöbnis zu machen, für eine außerordentlich günstige, zumal sie wußte, daß Juliane, die wie zur Amazone geboren war, zu Pferde stets am fröhlichsten und zugänglichsten war. Darum beschloß sie, ihr draußen unter freiem Himmel, im verschwiegenen Walde das Glück ihrer Tochter beredt und eindringlich an das mütterliche Herz zu legen, auf Julianens freudige Zustimmung schon mit großer Zuversicht hoffend.
Bald saßen die beiden zu Pferde und ritten den Burgweg schweigend hinab, weil Juliane sich noch nicht ganz von dem zu lösen vermochte, was sie eben noch so mächtig erschüttert hatte, und Sidonie über die beste Weise nachsann, wie sie ihre Mitteilung beginnen und die Unterredung zu dem erwünschten Ende führen sollte. Unten auf dem ebenen Talweg sausten sie nun Seite an Seite dahin, und es schien, als ob es Juliane darauf anlegte, so sturmschnell und so weit wie möglich von der Minneburg fortzukommen. Immer und immer noch hemmte sie nicht den ausdauernden Galopp ihres an starke Leistungen gewöhnten Pferdes, so daß Sidonie sie schon durch einen Zuruf an die Mäßigung ihres Ungestüms mahnen wollte, als sie endlich die Zügel anzog, um die Pferde im Schritt verschnaufen zu lassen.
»Ah!« machte sie, »das tut gut! nichts köstlicher als das, Sidonie! es kommt dem Fliegen am nächsten, und wenn ich einen Wunsch frei hätte beim Schicksal, so wünschte ich mir Flügel, die mich trügen, wohin ich wollte.«
Das glaub' ich, dachte Sidonie, zu ihm! zu ihm, der aller Sehnsucht Ziel ist! Laut sagte sie jedoch: »So denkt mancher und manche, Frau Juliane, besonders zwei, die voneinander getrennt sind und doch am liebsten beisammen wären.«
»Hast du damit zwei Bestimmte im Sinne?« frug Juliane argwöhnisch, ob Sidoniens Worte etwa eine versteckte Anspielung auf sie sein sollten.