»Du langweilst dich mit mir?« lachte Ernst, nicht sonderlich geschmeichelt von dieser Bemerkung. »Willst du nicht mit mir Schach spielen?«

»Nein!« erwiderte Hans entschieden; »der Joseph spielt viel besser als du. Geh' nur und hole ihn; aber du darfst nicht zusehen, sonst macht er wieder Fehler über Fehler.«

Ernst gehorchte und war weder gekränkt noch unfroh darüber, nach alle dem Erlebten heut' endlich sich selber überlassen zu sein und seinen Erinnerungen und Gedanken nachhängen zu können.

Er ging zur Mittelburg und geradeswegs in Josephs Zimmer. Ehe er aber ganz eingetreten war, prallte er fast zurück vor dem unerwarteten Anblick, der sich ihm darbot. In dem Gemache stand ein schönes Fräulein, eine stattliche Dame, die sich lächelnd vor ihm verneigte. Es war Josephine in vollständig weiblicher Kleidung.

»Josephine!« rief er, brachte aber vor Überraschung nichts weiter heraus und wußte nicht, ob er Fräulein, ob er Ihr oder du sagen sollte.

»Tretet näher, Junker Ernst!« sagte sie mit einer anmutigen Handbewegung.

»Josephine!« sprach er noch einmal, »welche Unvorsichtigkeit!«

»Daß ich die Tür nicht verriegelte?« frug sie mit einem schelmischen Blick. »Da habt Ihr Recht. Wäret Ihr einen Hahnenschrei früher gekommen, hättet Ihr mich bös überrascht; in diesem Augenblick erst bin ich mit meiner Verwandlung fertig geworden.«

Sie war ein ganz anderes Wesen, größer, reifer und vor allem schöner, als in der bisherigen Jünglingstracht. Das ihre herrliche Büste nicht neidisch verhüllende dunkelgelbe Kleid war von einer veilchenblauen Sammetborte umsäumt, die den Schmelz ihrer warmblütigen Hautfarbe glänzend hervorhob. Auf dem bloßen Halse wirkte der Kopf und das blühende Antlitz mit den dunklen Augen weit anziehender und bedeutender, und die ganze Gestalt war von einem jungfräulich üppigen Liebreiz umflossen, der auf Ernst einen tieferen Eindruck machte, als er sich selber eingestehen mochte.

»Jetzt begreif' ich es noch besser,« sprach er sie mit staunendem Entzücken betrachtend, »warum dein Vater nicht will, daß du dich auf euren Wanderungen in Frauenkleidern zeigst.«