So geschah es denn. Er stellte sich auf den niedrigeren Zweig; sie ließ sich von oben in seinen umfangenden Arm hinein und glitt nun, fest an ihren Retter geschmiegt und ihn umklammernd, langsam an ihm hinab, bis sie, immer noch von ihm umschlungen, auf demselben Zweige mit ihm stand.
»Ach!« machte sie Atem holend, »laß uns ein wenig ausruhen, mir ist die Luft vergangen.«
Bald kletterten sie weiter hinab, und von nun an war es ohne Gefahr. Er breitete nur, vor ihr hinabsteigend, die Arme schützend um sie aus, ohne sie noch festzuhalten, und lenkte mit der Hand ihren Fuß auf die rechte Stelle, daß sie nicht fehltrat oder ausglitt, denn die Buchenäste waren rund und glatt. Als sie endlich auf den untersten Zweige saß, stand er schon auf dem Boden. Für sie war es zum Hinabspringen zu hoch; er hielt ihr die Arme entgegen, und sie besann sich nicht lange und sprang lachend hinein. Er fing sie auf und drehte tanzend sich ein paarmal mit ihr rund um, ehe er sie auf ihre eigenen Füße stellte.
»So! gerettet wärst du! was krieg' ich nun?« sprach er.
»Tausend Dank, mein tapferer Befreier!« sagte sie mit hochwallender Brust und glühendem Antlitz. Mehr konnte sie nicht sprechen; sie zitterte an allen Gliedern und mußte sich auf den Rasen setzen. Die beiden Freundinnen setzten sich zu ihr.
»Nun, so will ich die Erinnerung an das lustige Abenteuer als meinen Lohn betrachten,« erwiderte er, sich den drei Huldinnen gegenüber gleichfalls niederlassend.
Da reichte ihm Sidonie die Hand und sprach: »Aber eine Bitte habe ich noch, Ernst! Das Abenteuer bleibt unter uns! nicht wahr? Versprich es mir!«
»Das versteht sich!« erwiderte er mit sanftem Händedruck, »unverbrüchlich gelob' ich's! Das heißt,« fügte er schnell hinzu, »das Abenteuer auf dem Baume! denn über den da habe ich noch ein Wörtlein mit euch dreien zu reden.« Dabei wies er nach dem erlegten Reiher.
Sie blickten ihn fragend an. Er aber fuhr fort: »Ihr habt hier doppelten Jagdfrevel verübt, meine edlen Fräulein! Daß ihr wider alles Waidrecht den Reiher während der Brutzeit geschossen habt, mag euch ungestraft hingehen, weil ihr's vermutlich nicht gewußt habt, daß man die Vögel dann schont.«
»Das haben wir freilich nicht gewußt,« sagte Hiltrud von Erbach, »und mir tut es jetzt leid um das schöne Tier.«