»O Sidonie! ich will dir's nur gestehen, ich liebe sie auch, ich liebe sie viel, viel mehr, als ich sagen kann. Aber es darf es keiner wissen. Du bist verschwiegen, Sidonie! nicht wahr? sag' es ihr nicht, daß ich sie liebe, sonst muß ich sie heiraten, und das will ich nicht. Alles, alles, nur nicht heiraten.«
»Nein, Ohm Hans, du brauchst sie nicht zu heiraten,« sprach Josephine.
»Ja, aber wenn sie mich liebt, – was soll ich denn sagen? daß ich sie auch liebe? nein, nein! sie darf es nicht wissen. Wenn nur Bödigheim erst tot wäre! der heiratet sie gleich, und das soll er nicht, das soll er nicht! sonst schlag' ich ihn noch einmal tot, nur aus Liebe. O meine Juliane! Du bist doch die Schönste!« Er sank matt in die Kissen zurück, murmelte noch Unverständliches und schlief ein.
Nun wußte Josephine das Geheimnis seiner Liebe und saß und sann, was sie damit anfangen sollte; aber sie kam zu keinem anderen Entschlusse, als zu dem, es vorläufig vor jedermann zu verschweigen. Als sie sich überzeugt hatte, daß er fest eingeschlafen war, schlich sie hinaus und hieß Williswinde zu Bett gehen, sie selber würde die Nacht bei dem Kranken wachen. Dann setzte sie sich wieder in Hansens bequemen Lehnstuhl, beobachtete die Atemzüge des Schlummernden, erneuerte die nassen Umschläge auf seiner Stirn, ohne daß er davon erwachte, und fühlte nach seinem Puls. Das Fieber war nicht stark; die gesunde Natur des abgehärteten Mannes schien sich selber zu helfen und die Gefahr in einem tiefen Schlafe zu besiegen.
Draußen über Berg und Tal brütete die warme Sommernacht, matt erhellt vom ersten Viertel des zunehmenden Mondes. Josephine öffnete ein Fenster und lehnte sich hinaus, um die milde, würzige Luft zu genießen, die auch ihrem Pflegebefohlenen nur gut tun konnte. In senkrechter Steile fiel der Fels, auf dem die Burg über dem Abgrund hing, zur Tiefe, und unten auf den Wellen des Neckars flimmerte das Mondlicht. Josephine blickte hinab und wieder hinauf zum wolkenlosen, gestirnten Himmel, und ein Seufzer hob ihre sehnsuchterfüllte Brust. Da blitzte im Osten eine Sternschnuppe auf und erlöschte nach kurzem Fluge. Josephine sah es und fuhr unwillkürlich zusammen. Sie hatte gerade etwas gedacht, etwas gewünscht, auf dessen Erfüllung sie schon seit ein paar Stunden wartete und das so leicht zu erfüllen gewesen wäre. Sie lauschte in die Nacht hinaus, ob nach dem deutungsvollen Himmelszeichen die Erfüllung nicht nahte. Jetzt schlug im Burghof ein Hund an, aber ob im Tore die Pforte ging, konnte sie nicht hören. Sie trat in das Zimmer zurück und warf einen prüfenden Blick auf den Schlummernden. Hans lag fest, wie von einem Schlaftrunk betäubt, ihn hätte nichts geweckt. Sie horchte an der Tür, ob niemand die Treppe hinaufkäme. Aber wie sehr sie auch ihr Gehör anstrengte, alles war still in der Burg, nichts regte sich, niemand kam; sie blieb einsam und allein.
Als Hans am Morgen gestärkt und fieberfrei erwachte, fand er sich allein und mußte sich besinnen, was er geträumt hatte: von Sidonien und von Joseph, der in Frauenkleidern zu ihm gekommen war und mit ihm Schach gespielt hatte. Aber das Schachbrett hing an seinem gewohnten Platz an der Wand, und der Kasten mit den Figuren stand, wo er immer stand, auf dem kleinen Tische dort im Winkel.
Im Laufe des Tages erhielt er öfter Besuch von seinen Brüdern und Ernst, und alle freuten sich, ihn seiner Genesung entgegenschreiten zu sehen.
Als Ernst nachmittags von einem solchen Besuche zurückkehrte, begegnete ihm ein Bauersmann, den er nicht kannte, der aber ihn kannte, denn er redete ihn bei seinem Namen an und übergab ihm einen Brief, den er von Laux Rapp zur Bestellung an den Junker Ernst erhalten haben wollte.
Ernst erbrach den Brief und las. Aber sein Gesicht entfärbte sich immer mehr und mehr, je weiter er mit dem Lesen kam.
Der Brief war von Sidonien und lautete folgendermaßen: