Lieber Vetter Ernst!
Nichts Erfreuliches habe ich dir zu melden. Frau Julianens versöhnliche Stimmung ist plötzlich in das Gegenteil umgeschlagen. Den Gedanken an eine Verbindung zwischen dir und Richilde weist sie als eine vollkommene Unmöglichkeit zurück, weil du ein Landschad bist. Denn sie haßt euch allesamt jetzt so maßlos, wie sie euch noch nie gehaßt hat, läßt euch absagen, will keinen von euch sehen, auch dich und Ohm Hans nicht, und will Zeit ihres Lebens eure Feindin sein. Den Grund will sie nicht sagen, und ich mühe mich vergeblich ab, ihn zu erraten. Sie hat die Burg nicht verlassen, und es ist auch niemand bei ihr gewesen, als Frau Elisabeth von Erlickheim, wie ich von den Burgleuten erfahren habe. Von Ohm Hansens Zweikampf haben wir nichts gesagt. Sie schließt sich ganz von uns Mädchen ab; wir haben also volle Freiheit zu gehen oder zu reiten, wohin wir wollen. Komm übermorgen nachmittag zur Schmiedeschenke, wo wir dich erwarten werden, um uns mit dir zu beraten. Richilde ist dir treu und sendet dir tausend schmerzensvolle Grüße.
Sidonie.«
Ernst war auf's tiefste erschrocken und starrte, als er längst zu Ende gelesen hatte, noch immer in den Brief, als verstünde er weder die Worte noch deren Sinn. Dann begab er sich wie im Traume wandelnd nach Hause und suchte seinen Vater auf, um diesem die Unheilskunde mitzuteilen. Dabei bedachte er in seiner Bestürzung nicht, daß er dann auch sein Verlöbnis mit Richilde gestehen müßte, infolgedessen er ja die Nachricht von Sidonien erhalten hatte.
Er traf seinen Vater allein im Gemach, und dieser empfing den ganz Verstörten mit den Worten: »Wie siehst du denn aus? Hat Ohm Hans einen Rückfall bekommen?«
»Vater,« stammelte Ernst, »Frau Rüdt von Kollenberg sagt uns ab!«
»Was? daß sie nicht kommen will?« frug Bligger.
»Nein, nein! sie sagt uns ganz ab, sie haßt uns allesamt wie nie zuvor und will Zeit Lebens unsere Feindin sein.«