Zwanzigstes Kapitel.
Es war in der friedlichen Stille des nächsten Abends, als Frau Juliane in einem kleinen, von einem Schifferknaben geruderten Nachen über den Neckar fuhr. Sie hatte sich nach der Enthüllung, die ihr Elisabeth von Erlickheim gemacht, ganz in sich selbst zurückgezogen. Die erste Wut und der wieder auflodernde Haß gegen die Landschaden hatten sich, ohne an nachhaltiger Kraft etwas einzubüßen und dadurch die Festigkeit ihrer Entschlüsse abzuschwächen, allmählich in ihr ausgetobt und waren nun auf dem Wege, durch die Bitternis eines schwer zu verwindenden Schmerzes hindurch in die sich nach und nach abklärende Ruhe einer vernünftigen Entsagung überzugehen. Um sich diesen Übergang zu erleichtern, suchte Juliane nach einer ablenkenden und zerstreuenden Beschäftigung mit der Außenwelt, mit Menschen und Dingen, deren Anblick sie nicht an ihr Schicksal gemahnten.
So kam sie auf den Einfall, sich um die zur Burg gehörige Landwirtschaft zu bekümmern, und um damit einen Anfang zu machen, stattete sie ihrem großen Meierhof in Neckargerach einen Besuch ab und ließ sich von Konz Hornschuh überall auf dem Hof, in den Ställen und Wirtschaftsgebäuden umherführen.
Sie fand alles im besten Zustande unter der Leitung des tüchtigen und ehrlichen Mannes, und als sie ihm nach beendetem Umgang ihre Zufriedenheit mit dem, was sie gesehen, zu erkennen gab, bat er, daß sie ihm und seiner Frau die Ehre erweisen möchte, einen Imbiß von ihnen anzunehmen. Juliane willigte ein, und bald saßen die drei in der Gartenlaube bei einem Gericht frisch gefangener und vorzüglich gekochter Forellen mit goldgelber Butter und einem kühlen Trunk selbstgekelterten Weines. Die gekrümmten und aufgeplatzten Fische lagen auf einer sauberen Schüssel, von krauser Petersilie zierlich umkränzt und obenauf mit roten Rosenblättern bestreut, daß es gar lieblich und appetitlich aussah und etwas Festliches hatte. Das Gespräch drehte sich um wirtschaftliche Angelegenheiten und um die häuslichen Verhältnisse des Ehepaares, namentlich um dessen Kinder und alle die bescheidenen Freuden und großen und kleinen Sorgen seines arbeitsamen und einfachen Lebens. Das Paar war noch jung, und des Meiers Augen ruhten oft mit einem behaglichen Lächeln auf seiner blühenden Gattin, die ihrerseits liebevoll zu ihm aufblickte und seinen Worten mit einer gewissen Andacht lauschte. Einmal war es Juliane sogar so vorgekommen, als hätten sie sich unter dem Tische verstohlen die Hände gedrückt. Das war auch wirklich geschehen, denn Konz und seine Frau waren von der leutseligen Herablassung ihrer gnädigen Herrin ganz entzückt, und Juliane selbst vergaß als Gast ihrer Untergebenen ihren Kummer und wurde immer teilnehmender und heiterer. Von beiden zur Anlegestelle des Nachens geleitet, schied sie von ihnen mit freundlichem Dank und nahm beinah' fröhlich in dem kleinen Fahrzeuge Platz. Als sie aber mit dem Schifferknaben allein war und schweigend über das Wasser fuhr, überkam sie in der milden Abendruhe, die sie weit und breit umgab und zu welcher der Grundton ihrer Seelenstimmung immer noch in einem scharfen Gegensatze stand, bald wieder eine unaussprechliche Schwermut, und sie seufzte vor sich hin: »Die beiden dort sind glücklicher, als du!«
Das Tal lag im Schatten, aber die Kuppen der Berge glänzten noch in der Abendsonne, und die rundlichen Wipfel der Bäume standen leuchtend gegen den blauen Himmel, an dem fast ohne Bewegung ein paar leichte, rosig angehauchte Wolken schwebten. In dem herrlich grünen Neckar spiegelten sich die waldigen Uferhänge, so daß seine schillernde Farbe noch gesättigter und dunkler erschien, und er zog im Gleichmaß spielender Wellen so breit und ruhig durch sein geschmücktes Bett, als trüge er in der Tiefe seines Stromes an der ragenden Burg und dem freundlichen Dorf vorüber den Frieden selber ins Land hinein. Nur leise schaukelte der Kahn; das Gurgeln des Wassers an seinem Bug, das Knarren und Plätschern der Ruder tönte als einziges Geräusch fast einschläfernd in der feierlichen Stille.
Juliane atmete unbewußt die köstliche Luft, die mit sanftem, kühlem Hauch über die Fläche strich; ihre linke Hand hing lässig über den Bord hinab, daß die Flut ihre schlanken Finger bespülte, und traumverloren ruhten ihre Augen auf dem smaragdgrünen Gewoge neben ihr.
Nun knirschte der Kiel auf dem Sande. Juliane stieg aus und schritt durch den dämmrigen Buchenwald zu ihrem stolzen Schlosse langsam hinan. Ein bewegliches Schauern und Flüstern ging durch die Zweige, hie und da schlich noch ein Sonnenstrahl um die weißlichen Stämme, und ein aufgescheuchter Vogel flatterte durch das Gebüsch. Die Einsame achtete nicht auf das geheimnisvolle Weben des Waldes; nur der eine Gedanke hielt sie gefesselt: hier bis an ihr Lebensende stets so einsam, vielleicht noch einsamer als heute bleiben zu sollen, von Jahr zu Jahr den Wald knospen und grünen und wieder sich färben und entblättern zu sehen, ihr blondes Haar erbleichen, ihr Antlitz verblühen, ihr Herz erkalten zu lassen, von dem markaussaugenden Gram um unerwiderte Liebe fester umsponnen, als ihre mächtigen Türme von den wuchernden Epheuranken. Lastete denn ein Fluch auf der Minneburg, von jenem Kreuzfahrer ihr auferlegt, der sie in Schmerz und Verzweiflung um sein auch verlorenes Liebesglück vor Jahrhunderten erbaut hatte?
Sie gedachte des Horoskops, das ihr ein neues, baldiges Eheglück verheißen hatte. Wo blieb nun die Erfüllung dieser tröstlichen Weissagung? Ließen auch die Sterne sie im Stich?