Gegen den Gedanken an eine Verbindung Richildens mit einem der verhaßten Landschaden hatte sich ihr ganzes Innere empört, und ihr Widerstand dagegen dünkte sie selber unbesiegbar. Hatte sie der eine betrogen, sollte auch der andere nicht selig werden; und noch glaubte sie an die Schicksalsdrohung, daß die Tochter, vor der Mutter vermählt, in ihr Unglück rennen würde. So riß sie ihr einziges Kind mit in ihr trübseliges Geschick hinein und bereitete dem jungen, lebensfrohen Wesen, das ein angeborenes Recht auf alle Freuden des Daseins hatte, das gleiche, traurige Los, dem sie selber vorzeitig verfiel, dem Zuge des Herzens und dem Verlangen der Sehnsucht nicht folgen zu dürfen, sondern hoffnungslos zu verschmachten und zu verkümmern. Und das Ende war, daß auf der Burg der Minne nach einer einsamen, freudlosen Witwe eine einsame, alternde Jungfer hausen und herrschen und kein Nachkomme des aussterbenden Geschlechts sein ritterliches Banner von der Zinne wehen lassen würde.
Unter so düsteren Betrachtungen erreichte sie die Umwallung der Burg, und ihr Mund verzog sich zu einem bitter schmerzlichen Lächeln, als ihr beim Überschreiten der Brücke von Türmer und Wächtern alle der Burgherrin gebührende Ehren erwiesen wurden.
Weiprecht Kleesattel meldete ihr, daß Herr Engelhard von Hirschhorn angekommen wäre und im Palasgemach ihrer harre; die Fräulein wären noch nicht zu Hause.
Engelhard von Hirschhorn? was wollte der hier?
Die Meldung gab Julianens Gedanken sofort eine andere Richtung. Sie hatte zu Lebzeiten ihres Gatten in einem sehr freundschaftlichen Verkehr mit den Hirschhorns gestanden. Einmal, im Baumgarten zu Zwingenberg, hatten sie bei dem beliebten Gesellschaftsspiel des Tragens, wobei die Ritter die Damen und die Damen die Ritter tragen mußten, miteinander gewettet, ob er mit ihr, indem er sie trüge, über einen ihm in gewisser Höhe vorgehaltenen Speer springen könnte, was er behauptete, sie jedoch bestritt. Und als Engelhard die Wette gewonnen, hatte er sich von der schönen Frau die Gunst ausgebeten, sich mit ihr du nennen zu dürfen, was ihm Juliane gerne bewilligt und dem ritterlichen Freunde gegenüber auch niemals zu bereuen hatte.
Juliane wußte, daß Engelhard es war, durch den Elisabeth von Erlickheim die Geschichte mit dem Hagestolzenrecht erfahren hatte, und freute sich nun über die sich ihr darbietende Gelegenheit, ihn dieserhalb einmal zur Rede stellen zu können.
Sie trat dem Gaste mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln entgegen und begrüßte ihn mit den Worten: »Sei mir willkommen, lieber Freund, und verzeihe, daß du warten mußtest! ich war auf meinem Hof in Neckargerach.«
»Ich habe nichts zu verzeihen, Juliane,« sprach er verbindlich, »du konntest ja nicht wissen, daß ich dich heute besuchen würde.«