»Leider nicht; sonst wäre ich zu Hause geblieben,« erwiderte sie mit einladendem Winke, daß er Platz nehmen möchte. Und ohne ihm in ihrer brennenden Neugier Zeit zu lassen, ihr den Zweck seines Besuches mitzuteilen, steuerte sie unmittelbar auf ihr Ziel los und sagte, ihn freundlich, aber fest anblickend: »Du kommst mir übrigens sehr gelegen; ich habe eine Frage an dich. Sage mir, Engelhard: hast du schon einmal etwas von einem Recht der Hagestolze gehört?«

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel fuhr die Frage vor ihm nieder, und es bedurfte der vollen Geistesgegenwart des an Überfälle jeglicher Art gewöhnten Ritters, um seinen Schrecken vor der ihn Auskundschaftenden zu verbergen. Wer, zum Teufel! hat ihr das Licht aufgesteckt? dachte er, gab ihr aber gelassen zur Antwort: »Recht der Hagestolze? jawohl! das ist ein althergebrachtes pfälzisches Erbrecht, laut dessen die Lehen eines unverheirateten Mannes nach seinem Tode an den Lehensherrn zurückfallen.«

»Und das ist alles? weiter ist dabei nichts zu bemerken?« frug sie mit dem Ton einer harmlos heiteren Neugier, als hätte die Sache durchaus keine besondere Wichtigkeit für sie.

»Nicht daß ich wüßte,« erwiderte er trocken und schon in der Hoffnung, die in Rechtssachen gänzlich unerfahrene Frau mit dieser dürftigen Auskunft über den äußerst heiklen Gegenstand endgültig abgefunden zu haben.

Aber da hatte er sich getäuscht. In ihrem Verdruß darüber, daß er mit dem, was sie zunächst anging, zurückhielt und den Unschuldigen spielte, wollte auch sie ihn nicht merken lassen, was sie davon schon wußte. Darum lachte sie: »Eine drollige Bestimmung! Gibt es denn kein Mittel für die armen Hagestolze, den Folgen dieses sonderbaren Erbrechtes vorzubeugen?«

O doch, eine Heirat! wollte er schon herausplatzen, besann sich aber: Warte Liebchen! so rasch fängst du mich nicht. »Nein,« sagte er kurz angebunden, »dagegen ist nichts zu machen.«

»Und wenn sie tot sind, brauchen sie auch keine Lehen mehr,« lachte Juliane wieder. »Aber für die Verwandten und Blutsfreunde des Verstorbenen ist das doch ein schlimmes Ding,« meinte sie dann; »nicht wahr, Engelhard?«

»Ja, das ist es freilich,« sprach er, halb beunruhigt, halb belustigt durch dieses fortgesetzte Verhör, das einen immer drohenderen Verlauf nahm.

»Da sollte doch wirklich jeder heiratsfähige und noch ledige Mann ein billiges Einsehen haben,« bemerkte sie mit der unbefangensten Miene.

»Das sag' ich auch!« lachte nun Engelhard. »Wenn man das so einem nur klarmachen könnte!«