»Das zu tun wäre die Pflicht seiner Freunde,« sagte Juliane mit einem herausfordernden Blick.
»Oder auch vielleicht einer guten Freundin,« erwiderte Engelhard ebenso anzüglich.
Damit war die Unterhaltung bis zu der Spitze getrieben, auf der das eine nur noch fehlende Wort schwebte, vor dem sie beide haltmachten wie vor einem Rührmichnichtan. Aber Engelhard wollte der sich immer mehr Nähernden nicht weiter entgegenkommen, sondern sie durch sein beständiges Ausweichen zwingen, den Namen Hans zuerst auszusprechen. Ihm, der ja von Julianens erneutem Zorn auf die Landschaden nichts ahnte, war es im Laufe des Gesprächs immer zweifelloser geworden, daß sie das Recht der Hagestolze als etwas ihr Günstiges und Hilfreiches ansah, weil es ein Hebel mehr war, Hans aus seinem Zögern und Zaudern herauszubringen und seine Werbung um sie, auf die sie sehnsüchtig wartete, endlich herbeizuführen. Umsomehr freute er sich nun auf die gewiß großartige Wirkung seiner ihr noch zu machenden Mitteilung, daß Hans sich für sie geschlagen hatte.
Düster sah es während dieses Versteckenspiels in Julianen aus. Sie ärgerte sich über Engelhards Verstocktheit, gegen die ihre List, ihn aus seinem Hinterhalt hervorzulocken, nicht verfangen wollte, und ärgerte sich über sich selbst, daß sie es nicht fertig brachte, den Stier bei den Hörnern zu packen und dem Verbündeten der Landschaden die Verruchtheit des gegen sie angezettelten Handels mit den schärfsten Worten vorzuhalten. Übellaunisch entgegnete sie auf seine letzte Äußerung: »Ich hasse die Hagestolze und wundere mich nur, daß es überhaupt noch welche gibt.«
»Da hast du ganz recht, liebe Juliane,« erwiderte er lächelnd; »ich wundere mich auch darüber.« Und um sie zu necken und zu reizen, fügte er boshaft hinzu: »Sie werden ja auch glücklicherweise immer seltener, und wenn ein Mann unseres Standes heutzutage unverheiratet bleibt, so ist wohl nur anzunehmen, daß er trotz allen Suchens keine Frau nach seinem Herzen gefunden hat.«
»Anders kann ich es mir auch nicht erklären,« versetzte sie, die Pille hinunterschluckend, »und das wäre noch ein Grund, den man achten müßte. Denn ehrlos wär' es, wenn ein Mann nur darum heiraten wollte, damit seinen Blutsverwandten sein Hab und Gut nicht verloren geht.«
»O das kommt nicht vor,« sprach er dreist. »Kein ritterlicher Mann würde es wagen, aus einem solchen Grunde nur um eine Frau zu werben, denn sie würde seine wahre Absicht bald durchschauen. Meinst du nicht auch, Juliane?«
»Ja, das meine ich auch, Engelhard!« sagte sie vor Erregung zitternd, »und sollte er es dennoch wagen, so würde ihn die Frau mit Spott und Hohn, mit Schimpf und Schande von ihrer Schwelle weisen.«
»Und täte recht daran!« stimmte er unverfroren zu.
»Und doch gibt es Menschen,« fuhr sie immer heftiger werdend fort, »falsche, herzlose Menschen, die sich nicht entblöden, Liebe zu heucheln, wo an Stelle warmer Gefühle nur schnöde Zwecke walten, und andere, habgierige, ränkesüchtige Menschen, die solchen Verrat am Allerheiligsten ausdenken und dazu schüren und hetzen, und noch andere gibt es, die sich kein Gewissen daraus machen, zur Schließung eines aus so nichtswürdigem Grunde zusammengekuppelten Ehebundes hilfreiche Hand zu leisten.«