Hierauf bauend und fest entschlossen, für seine Liebe das Äußerste zu wagen, machte er der Geliebten nun den Vorschlag, sie nach Sinsheim zu entführen, sich dort vom Abte mit ihr trauen zu lassen, sie dann nach Neckarsteinach zu bringen und auf der jetzt unbewohnten Vorderburg so lange mit ihr zu bleiben, bis Frau Juliane sich herbeiließ, dem geschlossenen Bunde ihren Segen zu erteilen, wie es sein Vater bereits im Voraus getan hatte.
Die drei Mädchen erschraken erst vor der Kühnheit dieses Planes; aber bald fingen sie an, sich mit den Fährlichkeiten desselben mehr und mehr auszusöhnen. Namentlich Sidonie, die schon damals unter der Reiherbuche, allerdings nur im Scherz, eine Entführung als letztes Auskunftsmittel empfohlen hatte, war schnell dafür gewonnen und brach in hellen Jubel darüber aus. Und was Ernst kaum zu hoffen gewagt hatte, Richilde selbst sträubte sich nicht lange dagegen, sondern erklärte sich nach kräftigem Zureden Sidoniens halb mit Bangen, halb mit Freuden bereit, dem Geliebten in unwandelbarer Treue bis an das Ende der Welt und noch darüber hinaus, bis in den Tod zu folgen. Aus dem schüchternen Mädchen war im Laufe von Tagen, in denen sie soviel Leid erfahren und allerhand Demütigungen seitens ihrer Mutter zu ertragen gehabt hatte, ein fast willensstarkes Wesen geworden, ebenso entschlossen wie Ernst, zur Erreichung ihres Zieles alle fesselnden Bande zu zerreißen. Die Liebe hatte sie gereift, für ihre Liebe wurde ihr kein Schritt zu schwer. Nur Hiltrud konnte nicht umhin, mancherlei Bedenken gegen das unbotmäßige Vorhaben zu äußern; aber auch sie fügte sich endlich den Gründen und Vorstellungen der übrigen und billigte den gefaßten Entschluß. In den Adern dieser beherzten Burgfräulein rollte das Blut ihrer Väter, die selber vor keinem noch so kecken Handstreich zurückbebten, wenn es Ritterehre oder ernsten Kampf oder lockende Beute galt. Hier wirkten nun andere Mächte, die Liebe, die Freundschaft, der Reiz des Abenteuerlichen, und gaben den Ausschlag. Was geschehen sollte, war beschlossen; jetzt handelte es sich um das Wie der Ausführung.
Nach manchem Hin und Wider einigte man sich, die Flucht in folgender Weise zu bewerkstelligen.
Kurz nach dem zweiten Mittage, von heute gerechnet, wollten die Mädchen sich zu ihrem Besuch auf Zwingenberg von Frau Juliane verabschieden. Sie konnten dann, ohne daß es auffiel, einiges Gepäck mit sich auf das Pferd hinter den Sattel nehmen. Der Knecht, den ihnen Juliane wahrscheinlich zum Schutze mitgeben würde, sollte Hiltrud nach Eberbach zu ihren Eltern bringen, denen sie ihre unerwartete Rückkehr vorläufig auf irgendeine glaubliche Weise begründen sollte, um ihnen erst nach einigen Tagen die Wahrheit zu sagen. Sidonie aber wollte das fliehende Paar nach Kloster Sinsheim begleiten, teils in der Eigenschaft als Richildens Ehrendame, teils aus eigenem grenzenlosen Vergnügen an dem köstlichen Spaß, bei dem sie doch unmöglich fehlen konnte, wie sie sagte und die anderen auch einsahen, so daß ihre Begleitung Ernst und Richilde hochwillkommen war. Vermißt konnten die Fräulein nirgend werden, denn Juliane mußte glauben, sie wären auf Zwingenberg, und Sidoniens Eltern würden denken, sie befänden sich noch auf der Minneburg. Nachmittags wollte Ernst mit Sidonie und Richilde hier an der Schmiedeschenke zusammentreffen, um sich mit ihnen in gemächlichem Ritt nach Sinsheim zu begeben. Dort wollten sie erst abends bei einbrechender Dunkelheit ankommen und an der Klosterpforte als von ihrem Wege Verirrte um Aufnahme bitten, die das große und reiche Kloster selbst den beiden Fräulein für die Nacht gewiß nicht versagen würde. Waren sie aber erst einmal darin, so hatten sie mindestens schon halb gewonnenes Spiel. Für den Fall, daß der Abt mit der verlangten Trauung ohne Zustimmung der Mutter der Braut Schwierigkeiten machen sollte, wollte Ernst seinem Ohm Hans Botschaft zurücklassen, die dieser aber erst am folgenden Tage erhalten sollte, mit der Aufforderung, sofort nach Sinsheim zu kommen, um bei seinem hochwürdigen Freunde mit gewichtiger Fürsprache für die Liebenden einzutreten. Seine Wunde war schon so gut geheilt, daß sie ihn in drei Tagen an dem Ritte nicht mehr hindern würde.
So war denn alles aufs beste vorgesehen und verabredet, und nachdem die zum Wagnis Bereiten sich noch einmal gelobt, an dem Beschlossenen unverbrüchlich festzuhalten, nahmen sie bis auf Wiedersehen zärtlichen Abschied voneinander und trennten sich.
Als Ernst daheim seinem Vater erzählte, was ihm Sidonie an der Schmiedeschenke mitgeteilt hatte, namentlich daß Frau Juliane über ein gewisses Recht der Hagestolze und den darauf fußenden Heiratsplan mit Ohm Hans vollständig unterrichtet und von unsagbarer Entrüstung darüber erfüllt sei, wollte Bligger vor Ärger und Grimm schier aus der Haut fahren. Von Julianens erneuter Feindschaft wußte er nur durch den Brief Sidoniens, die aber die Ursache davon nicht hatte angeben können. So glaubte er, dieser Rückfall in die alte Zwietracht hätte nur darin seinen Grund, daß Hans den, wie es schien, von Juliane bevorzugten Ritter Bödigheim im Zweikampf besiegt hatte, also genau so wie vor Jahren, als er selber ihren Gatten, Herrn Zeisolf, niedergeworfen. Aber was er nun hören mußte, war noch viel unheilvoller und drohte alle seine Hoffnungen zu zertrümmern. Sidonie hatte in ihrem Briefe ausdrücklich erwähnt, daß die Mädchen Frau Juliane nichts von dem Zweikampf gesagt hätten, Elisabeth von Erlickheim aber bei ihr gewesen wäre. Nun erriet Bligger mit der ihm eigentümlichen Spürkraft sofort den Zusammenhang des arglistigen Gewebes, das kein anderer eingefädelt haben konnte, als der Lehensträger des Pfalzgrafen und heimliche Gegner der Landschaden, Graf Philipp von Lauffen.
Er überlegte, ob es nun nicht an der Zeit wäre, auch Hans endlich in alles einzuweihen, besann sich aber eines Besseren. Hans mußte unwissend und unschuldig bleiben; denn nun hatte sich ja herausgestellt, daß Juliane die Landschaden nicht haßte, weil sie Bödigheim liebte, sondern weil sie statt der ersehnten Liebe und erwarteten Werbung Hansens einen mit kühler Berechnung gegen sie angelegten Plan entdeckt hatte. Das war immer noch schlimm genug, aber es ließ doch noch einen Funken von Hoffnung auf das Gelingen dieses Planes, wenn sich Juliane von Hansens Unschuld überzeugte. Daher beschloß er, nichts in der Sache zu tun, bevor er nicht Engelhard gesprochen hatte.
So wurde denn der, um dessentwillen alle diese Umtriebe den ganzen Sommer durch spielten, in vollkommener Unkenntnis davon erhalten, und Hans ahnte nicht, daß die von ihm angebetete Frau, die ihn auch während der Jahre völliger Entfremdung nie gehaßt hatte, die er als seine trauteste Freundin wiedergewonnen zu haben, ja deren Herz er zu besitzen glaubte, nun erst und so rasch, wie Tag und Nacht miteinander wechseln, seine erbitterte Feindin geworden war.
Er war wieder hergestellt, trug zwar den Kopf noch verbunden, ging aber umher und war auch schon zu Pferde gestiegen und ausgeritten, was ihm vortrefflich bekommen war. Einmal frug er schüchtern seine Schwägerin Katharina, ob denn Juliane noch nicht bei ihr gewesen wäre, und es wurde der gradsinnigen Frau sehr schwer, darauf mit einem unbefangenen Nein zu antworten und den, wie Bligger stets behauptete, zu seinem eigenen Besten Getäuschten in dem Wahne zu lassen, daß zwischen der Minneburg und Neckarsteinach nun wieder der reinste blaue Himmel des Friedens und der Freundschaft lächelte. Der schnell Erstarkende dachte schon daran, Juliane bald wieder einmal zu besuchen, denn in der ihm aufgezwungenen Untätigkeit und Einsamkeit war ihm die Sehnsucht nach ihr mächtig gewachsen, und er war überzeugt, daß sie ihn längst erwartete. Hatte sie ihm doch, als er zuletzt bei ihr war, beim Abschied mit liebeverheißendem Blick und lockendem Munde zugeflüstert: »Auf baldig Wiedersehen, lieber Freund!« Ihm wollte scheinen, als wenn das schon lange her wäre, jedenfalls viel zu lange für die Wünsche seines Herzens.