Isaak Zachäus aber drang ihm – auf einen Wink Bliggers – den ärztlichen Rat auf, von einem längeren Ritte vorläufig noch abzustehen. Der Jude war von Burg Dauchstein zurückgekehrt, denn Bödigheim hatte sich einen heilkundigen Pfleger aus Wimpfen kommen lassen, weil er einem im Solde der Landschaden stehenden Arzte nicht traute. Isaak war nicht wenig erstaunt, seine Tochter in Frauenkleidern wiederzufinden, gab sich aber mit ihren Erklärungen darüber zufrieden, zumal er zu bemerken glaubte, daß Josephine, nachdem sie sich als Mädchen zu erkennen gegeben hatte, von den Bewohnern der Mittelburg mit größerer Rücksicht und Freundlichkeit behandelt wurde, als bisher. Besonders begegnete ihr Frau Katharina mit augenscheinlichem Wohlwollen, und da sie wußte, daß ihres Sohnes Herz in treuer Liebe an Richilde hing, so hatte sie auch nichts gegen dessen beständigen Umgang mit der schönen Jüdin einzuwenden, die in ihrem Benehmen die größte Zurückhaltung und Sittsamkeit zeigte.
Diese Zurückhaltung war freilich nichts weiter, als eine mit äußerster Anstrengung festgehaltene Maske vor der ruhelosen Leidenschaft, die Leib und Seele des Mädchens durchglühte, unzertrennlich verbunden mit dem eifersüchtigen Trachten, die Vereinigung der beiden Liebenden zu hintertreiben, und verblendet genug, um sich in dem Traume zu wiegen, dann mit einer, wenn auch vor der Welt verheimlichten, Erwiderung ihrer verlangenden Neigung von seiten Ernsts beglückt zu werden. Aus seinem zerstreuten, nachdenklichen und bekümmerten Wesen hatte sie die Vermutung geschöpft, daß irgend etwas im Wege sein müßte, was mit seinem Wünschen und Hoffen nicht im Einklang stand; aber in den letzten Tagen war er plötzlich wieder sehr heiter geworden, ja, sie hatte eine gewissermaßen übermütige Erregtheit an ihm wahrgenommen, die zweifellos eine für ihn hoch erfreuliche Ursache hatte. Weder des einen noch des anderen wegen hatte sie ihn befragt, weil sie ziemlich sicher sein konnte, daß er ihr über kurz oder lang beides von selber offenbaren würde. Und als er sich aus seinen Herzensnöten zu der Willenskraft aufgeschwungen hatte, sein Schicksal durch eine entschiedene Tat in die rechte Bahn zu lenken, gestand er ihr alles, was er in der letzten Zeit durchlebt und was er nun zu tun beschlossen hatte.
Er sagte ihr das erst an dem zur Flucht festgesetzten Tage, wenige Stunden vor seinem Aufbruch zu dem mit Richilde und Sidonie verabredeten Stelldichein.
»Nun, ich wünsche Euch alles Glück dazu!« war das einzige, was sie mit größter Selbstbeherrschung darauf hervorzubringen vermochte, und Ernst war in seinen Gedanken so sehr mit den Einzelheiten seines Unternehmens beschäftigt, daß er Josephinens Verwirrung und Bestürzung ganz übersah und ihm kein Zweifel an der Aufrichtigkeit ihres Glückwunsches aufstieg. In ihr erregten seine Mitteilungen einen Sturm feindseliger Gefühle. Sie suchte schnell von ihm weg zu kommen, um in ungestörter Einsamkeit über Mittel nachzusinnen, wie sie wenigstens den Zweck der Entführung, die aufzuhalten sie nicht mehr die Zeit hatte, vor Erreichung desselben noch vereiteln könnte, und jede List und jede Untat sollte ihr dazu recht und genehm sein.
Ernst aber ging nach Burg Schadeck und übergab dort dem Waffenmeister Marx Drutmann einen versiegelten Brief an Hans mit der Weisung, denselben nicht früher, als am nächsten Morgen, seinem Herrn zu behändigen. Der Alte versprach, dem Auftrage pünktlich nachzukommen.
Bei Tische kündigte er seinen Eltern an, daß er am Nachmittag wegreiten und wahrscheinlich die Nacht über ausbleiben würde; sie möchten sich seinetwegen nicht sorgen. Bligger horchte hoch auf und warf seiner Frau, die schon eine Frage auf den Lippen hatte, einen schnellen Blick zu, so daß Katharina schwieg. Er war überzeugt, daß Ernsts Ritt zu Richilde ging und wollte den Sohn nicht durch Fragen in Verlegenheit gesetzt sehen, die dieser nur ungern und ausweichend beantworten würde.
Bald nach Mittag saß Ernst in den Bügeln. Ihm war zumute, als ritte er in seine erste Schlacht, in der er entweder fallen, oder aus der er als ruhmgekrönter Sieger heimkehren müßte.
An der Schmiedeschenke traf er die beiden Fräulein bereits vor und zog nun mit ihnen in der Richtung nach Sinsheim weiter. Richilde hatte beim Abschied von der Minneburg noch einmal geschwankt, ob sie wirklich den wichtigsten Schritt ihres Lebens ohne Wissen, ja gegen den bestimmt ausgesprochenen Willen ihrer Mutter tun und diese, mit Hintansetzung aller kindlichen Gefühle, in heimlicher Flucht verlassen sollte. Aber Sidonie wußte die Gewissensmahnungen mit beredt anfeuernden Worten zu verscheuchen und bemühte sich auch ferner, ihr mit einem nicht verstummenden Frohsinn über alle Zweifel hinwegzuhelfen. An Ernsts Seite und unter seiner Führung gewann sie auch ihre Sicherheit allmählich wieder, und bald hingen ihre Augen mit dem Ausdruck innigster Glückseligkeit an dem ihr Mut und Zuversicht einflößenden Antlitz des Geliebten.
Nur einmal noch schweiften ihre Gedanken zu dem hinter ihr liegenden zurück, und sie begann: »Weißt du, Ernst, es wäre doch vielleicht besser gewesen, wenn du selber bei meiner Mutter um mich geworben hättest.«