»Das war ja meine Meinung auch,« erwiderte er; »ich versprach euch ja, in den nächsten Tagen dieserhalb zu kommen. Warum habt ihr denn nicht so lange gewartet?«
»So war es beschlossen,« sagte Sidonie. »Aber du schicktest ja deinen ›Freund Joseph‹ noch einmal zu uns, mit der Bestellung, daß wir Frau Juliane das Geschehene mitteilen möchten.«
»Im Gegenteil; daß ihr es ihr nicht mitteilen möchtet,« versetzte Ernst.
»Bitte! daß wir es ihr mitteilen möchten, sagte das verkleidete Mädchen,« erwiderte Sidonie.
Ernst war erstaunt. »Dann muß sich Josephine verhört haben,« sprach er.
»Hat sie sich wirklich verhört?« frug Richilde. »Wisse, Ernst! ich traue der Jüdin nicht. Sie benahm sich sehr auffallend gegen uns und rühmte sich deines Schutzes und deiner Freundschaft in einer etwas verdächtigen Weise. Mich traf ein Blick aus ihren schwarzen Augen, der mir nichts Gutes verhieß.«
»So?!« erwiderte Ernst gedehnt und mit finsteren Brauen. Weiter sagte er nichts, aber sein bisher unbedingtes Vertrauen zu Josephine war auf einmal dahin, und er bereute nun seine Offenherzigkeit gegen sie, namentlich in bezug auf den ihr enthüllten Plan der Entführung.
Langsam ritten die drei ihres Weges, denn da sie erst spät abends ihr Ziel erreichen wollten, hatten sie Zeit genug vor sich. In Waibstadt hielten sie bis tief in die Dämmerung hinein Rast und stärkten sich mit Speise und Trank. Dann ging es weiter, und endlich, nach Einbruch der Nacht, die von dem erst später aufsteigenden Mond noch nicht erhellt war, langten sie bei der Benediktinerabtei glücklich an.
Schweigsam und düster standen die weitläufigen Klostergebäude mit der Kirche und dem hohen Glockenturm vor den Ankömmlingen da. Über die Mauer ragten die dunklen Kronen alter Bäume, in denen es geheimnisvoll wisperte, und vom Kirchendache her schrie ein einsames Käuzchen. Richilden durchschauerte es, und ihr Herz schlug in Bangigkeit, welches Schicksal wohl hinter diesen absperrenden Mauern ihrer wartete.
Ernst klopfte den Bruder Pförtner heraus und begehrte Einlaß.