»Dann nehme ich Euch die Armbrust fort,« lächelte er; aber er merkte schon, daß sie gar nicht abgeneigt war, sein Begehr zu erfüllen. Der mannhafte Junker mit dem freimütigen Ausdruck in den wohlgeformten Zügen, der ihre Freundin Sidonie auf so ritterliche Weise aus einer peinlichen Lage befreit hatte, gefiel ihr noch weit mehr als der halbwüchsige Jüngling früherer Jahre, der mit ihr getändelt und ihr gehuldigt hatte, und dem ihr junges Herz schon damals heimlich entgegenschlug. Aber seit dem Ausbruch des Streites zwischen ihren und seinen Eltern war er ihr aus den Augen gekommen, wie sie ihm, und nun wagten sie beide nicht, sich noch Du zu nennen, wie sie es früher getan hatten. Dies bedauerte Richilde im stillen und beneidete ihre Freundinnen, die mit dem Gespielen auf so vertraulichem Fuße geblieben waren.

Sie griff in die Tasche, die ihr am Kleide hing, und holte einen blinkenden Gegenstand daraus hervor. »Wollt Ihr diese Rinke haben?« lächelte sie, »für meinen Gürtel ist sie etwas zu breit; für den Eurigen wird sie gerade passen.« Es war eine kostbare Schnalle von Silber, mit Rubinen besetzt.

Dankend nahm er das Kleinod aus ihrer Hand. »Zu Eurem Angedenken werde ich sie tragen und stets in Ehren halten, Fräulein Richilde!« sprach er hocherfreut.

Jetzt erhob sich Sidonie, schritt zu dem toten Reiher, zog ihm drei seiner langen, glänzend weißen Rückenfedern aus und sagte: »Gib mir einmal deinen Hut, Ernst!« Er gab ihn ihr, und sie befestigte den stolzen Federschmuck daran. »So! da hast du auch ein Andenken an mich! Richilde hat den Reiher zwar geschossen, aber ich habe ihn doch aus dem Baume heruntergeholt, und nachher hast du mich wieder heruntergeholt; das sei dir unvergessen!«

Auch ihr dankte er für die prunkende Zier an seinem Hute. »Aber nun ist es hohe Zeit, daß ich Urlaub nehme,« sprach er dann; »ich muß noch zu deinem Vater, Sidonie. Soll ich deine Frau Großmutter von dir grüßen? – Sidonie, wenn die dich vorhin in der Buche gesehen hätte!«

»Entsetzlicher Gedanke!« lachte sie. »Spare den Gruß lieber und sage ihr nichts von unserer Begegnung.«

»Wollt Ihr zu Fuß nach Zwingenberg?« frug Richilde.

»Nein, Fräulein,« erwiderte er. »Nicht weit von hier band ich mein Rößlein an einen Baum, als ich eure Stimmen hörte und mich überzeugen wollte, was hier in unserem – in Eurem,« verbesserte er sich lächelnd – »Walde spukte.«

»Mußtet Ihr denn dazu vom Pferde steigen?« bemerkte sie schelmisch.

»Ich wollte die munteren, jauchzenden Wesen in ihren versteckten Freuden beschleichen und beobachten,« erwiderte er, »denn ich dachte, es wären Waldnymphen, die sich heimlich hier – tummelten!«