Er empfing Ernst in seinem behaglich eingerichteten Wohngemach und lud den sich ehrfurchtsvoll Verneigenden zum Sitzen ein mit den Worten: »Ihr kommt, achtbarer Junker, um mir für die geringe Gastfreundschaft zu danken, die unser Kloster Euch und den beiden unter Eurem Schutze stehenden edlen Fräulein gewähren zu können so glücklich war.«

»Ja, hochwürdiger Herr!« erwiderte Ernst beklommen.

»Das ist brav von Euch,« sprach der Abt. »Dankbarkeit, auch für die kleinste Wohltat, ist ein schöner Zug des Herzens. Mir gereicht es zu besonderer Freude, den Neffen meines ritterlichen Freundes, Junker Hans Landschad, in unserer stillen Klause haben beherbergen zu können, und wenn Ihr Euch mit Euren Damen etwas früher zu unserer Pforte gefunden hättet, wäre Euch sicher eine angenehmere Aufnahme bereitet worden. So mußtet Ihr als arme Verirrte mit dem fürliebnehmen, was in der Nacht nicht besser zu beschaffen war. Nun sagt mir aber, Junker Ernst, wohin geht Euer Weg?«

»Hochwürdiger Herr,« hub Ernst nun tief atemholend an, »schenkt dem, was ich Euch zu bekennen habe, ein gnädig Gehör! Die Wahrheit ist, daß wir nicht als Verirrte gekommen sind. Unser Weg führte von Anfang an nirgend anders hin, als hierher in Euer Kloster und zu Euch, an den ich eine große Bitte auf dem Herzen habe.«

»Sprecht, lieber Sohn!« sagte der Abt mit einer leisen Spannung in seinen freundlichen und klugen Zügen, »sprecht mit voller Offenheit und befreit Euch von dem, was Euer Herz beschwert.«

»Das will ich, hochwürdiger Herr!« erwiderte Ernst. Und nun erzählte er dem Abte die Geschichte und das Schicksal seiner Liebe, mit der jahrelangen Feindschaft zwischen seiner Familie und der Herrin der Minneburg beginnend, die fast erreichte Versöhnung, die wieder ausgebrochene Zwietracht, das Steigen und Sinken seiner Hoffnung, sein Liebesleid und seinen Kampf bis zu dem Entschlusse zu Richildens Entführung in lebendiger und ergreifender Darstellung schildernd und mit der beweglichen Bitte schließend, daß der Abt seinem Bunde mit der Geliebten an geweihter Stätte den Segen der Kirche erteilen möchte.

Der Abt folgte dem weit ausgesponnenen Vortrage mit großer Aufmerksamkeit und ohne Unterbrechung bis zum Ende. Dann aber schüttelte er sanft sein graues Haupt und sagte ruhig: »Ihr habt mit dem, was Ihr mir anvertrautet, meine aufrichtige Teilnahme an Eurem Geschick erregt, Junker Ernst; aber was Ihr von mir verlangt, kann ich nimmer gewähren, denn es ist wider Gottes Gebot und die Satzungen unserer heiligen Kirche.«

Ernst war von dem Bescheid des Abtes wie zu Boden geschlagen, und erst nach einer Weile trübseligen Vorsichhinstarrens sprach er: »Kann Euch nicht das Flehen zweier Herzen rühren, die auf Euch ihre letzte Hoffnung setzten?«

»Rühren wohl,« erwiderte der Abt, »aber nicht bewegen, etwas zu tun, was gegen die Pflichten meines göttlichen Amtes verstieße.«

»Hochwürdiger Herr,« sagte Ernst wieder mit etwas größerer Zuversicht, »ich habe meinen lieben Ohm Hans von unserer Flucht in Kenntnis gesetzt und ihn gebeten, heute hierherzukommen, um seine Bitte mit der unseren zu vereinen. Darf ich hoffen, daß seine Fürsprache Euch unseren Wünschen geneigter machen wird?«