»Mein vielwerter Freund Hans soll mir willkommen sein,« entgegnete der Abt. »Wenn er mir aber nicht die Einwilligung der Frau Juliane Rüdt von Kollenberg zu eurem Bunde mitbringt, so wird er nicht Zeuge eurer Trauung werden.«

»Frau Juliane ahnt nichts von unserer Flucht,« sprach Ernst düster. Dann erhob er sich und seufzte: »Was sage ich nur meiner Richilde?«

»Ich werde selber mit ihr reden und ihr meinen besten Rat erteilen, wie sie die Verzeihung und vielleicht die Zustimmung ihrer schwer beleidigten Mutter erringen kann,« erwiderte der Abt. »Jetzt muß ich zur Messe in die Kirche. Folge mir dahin nicht, lieber Sohn! Denn du würdest nur mit geteiltem Herzen bei der Andacht sein. Aber nachher bringe mir dein Lieb, daß ich ihr Trost zuspreche.«

Ernst beurlaubte sich von dem Abte und ging wieder zu den beiden Mädchen, die er von der vorläufigen Ablehnung seines Gesuches unterrichtete, Richilden jedoch die Hoffnung lassend, daß sich noch alles zum besten fügen würde, wenn nur Ohm Hans erst da wäre.

Darauf begaben sich die drei in den schattigen Klostergarten. Hier wandelten Ernst und Richilde Arm in Arm unter nachdenklichem Schweigen auf und ab, während in der angrenzenden Kirche der Gesang der Mönche erschallte. Sidonie, hinter dem Paare herschreitend, summte leise mit, und in ihrem erfinderischen Kopfe keimten allerlei Anschläge, wie sie den Liebenden helfen und den Abt zur Vornahme der heiligen Handlung verlocken könnte; denn weder traute sie dem vermittelnden Einschreiten des Ohm Hans allein einen günstigen Erfolg zu, noch war sie von dessen Bereitwilligkeit dazu überzeugt.

Dieser Zweifel Sidoniens begegnete sich mit einer ihm gleichgestalteten Sorge Ernsts. Nun sich letzterer einzig auf Hansens Unterstützung angewiesen sah, fiel es ihm plötzlich schwer aufs Herz, ob ihm dieser den erhofften Beistand überhaupt leisten und ob die Fürsprache des ehefeindlichen Oheims, der ihn unlängst wegen seiner Heiratsgedanken so gründlich abgekanzelt hatte, dann auch nachdrücklich und überzeugend genug ausfallen würde, um die Bedenken des Abtes zu besiegen. Er hätte sich das wohl früher sagen können; allein in diesen letzten Tagen immer nur das nahe Ziel seiner Sehnsucht vor Augen, war er zu solchen Erwägungen nicht gekommen und sah nun dem Eintreffen des Oheims mit großer Unruhe entgegen.

Der Gottesdienst in der Kirche dauerte lange. Als er beendet war, kamen die Mönche – jedoch ohne den Abt, der sich eines besonderen Weges zu seinen Gemächern bediente – in großer Schar den Kreuzgang daher, silberbärtige Greise, Männer in der Vollkraft des Lebens und jugendlich blühende Gestalten, manches bleiche, verhärmte Gesicht, manche gefurchte Denkerstirn und viele auch von wohlgenährter, einige von übermäßiger Körperfülle.

Ernst und Richilde verschwanden hinter einem Gebüsch des Gartens, um nicht gesehen zu werden. Sidonie dagegen blieb stehen, betrachtete neugierig die schwarzen Kuttenträger und ließ die brennenden Blicke, mit denen jene finster oder lächelnd und untereinander raunend das schöne Mädchen förmlich umspannen, über sich ergehen, als wollte sie den Weltflüchtigen geflissentlich zeigen, um was sie sich durch ihr Gelübde gebracht hatten.

Es verging noch viel Zeit, ehe der Abt durch einen jungen Mönch Ernst mit Richilde zu sich entbieten ließ. »Ich gehe mit!« entschied Sidonie und ging mit.