Um den schweren Eichentisch im kleinen Refektorium saßen am Nachmittage – denn es war durch das Warten auf Hans sehr spät geworden – Herr Meinhard, der Abt, Paraeus, der Prior, Rucho, der Küchenmeister, und Trotto, der Kellermeister, mit ihren Gästen, den beiden Junkern und den beiden Fräulein, und es war ein vorzügliches Mahl, das Bruder Rucho hatte bereiten lassen, und das Bruder Trotto mit ausgewählten Jahrgängen des Klosterkellers bedachte.
Man ließ es sich wohl sein und war guter Dinge. Selbst Ernst und Richilde, zum ersten Male wie ein Brautpaar bei Tische nebeneinander sitzend, vergaßen ihre nächsten Sorgen, sahen sich hier wenigstens, in diesem kleinen Kreise als Verlobte anerkannt und gaben sich in zunehmender Fröhlichkeit der schmeichelnden Vorstellung hin, daß dieses festliche Mahl ihnen zu Ehren stattfände. Hans, der seinen Platz zwischen dem Abt und dem Prior hatte, fühlte sich hier wie zu Hause, ließ seiner Lebenslust die Zügel schießen und trank sich und seinen klösterlichen Freunden einen Becher nach dem andern zu. Sidonie, zwischen Rucho und Trotto, sprudelte erst recht von Übermut und führte mit allen eine so lebhafte, hinreißend neckische Unterhaltung, daß es die Mönche von dem hübschen Mädchen aufs höchste ergötzte.
Die Tafel nahte sich allmählich ihrem Ende, und der Kellermeister klirrte mit den Schlüsseln und warf einen fragenden Blick auf den Abt, ob er vielleicht noch einen besseren herauf holen lassen sollte, denn man war seit langer Zeit nicht so vergnügt im Kloster gewesen.
Da wurde das heitere Mahl in einer jähen, von keinem der acht Teilnehmer für möglich gehaltenen Weise abgebrochen.
Vom Gange draußen hereinkommend näherte einer der beiden die Tafel bedienenden Laienbrüder seinen Mund dem Ohre des Abtes und flüsterte diesem etwas zu. Herr Meinhard machte eine Bewegung des Überraschtseins und erwiderte mit gedämpfter Stimme, doch so, daß es alle hörten, weil sie alle lauschten: »Führt die gnädige Frau ins Sprechzimmer; ich komme sogleich.«
Eine lautlose Stille trat ein. Aller Augen waren auf den Abt gerichtet, einige mit nur neugierigen, andere zugleich mit ahnungsvoll bangem Ausdruck. Der Abt aber sprach mit Bedeutung die schwerwiegende Nachricht aus: »Frau Rüdt von Kollenberg ist angekommen.«
Richilde erschrak so heftig, daß sie einer Ohnmacht nahe war. Auch Sidoniens Gesicht wurde etwas lang bei dieser Kunde. Sie blickte auf Ernst; »Josephine!« murmelte dieser und erhob sich. Aber schnell sprang auch Hans auf und rief ihm zu: »Du bleibst! ihr beiden verschwindet und laßt euch nicht sehen, bis ich euch rufen lasse! Komm, Sidonie! wir zwei wollen es mit ihr aufnehmen.«
»Nun, Ohm Hans, dann wappne dich!« erwiderte Sidonie, »und alle lieben Heiligen mögen uns beistehen!«
»Wohl gesprochen!« sagte der Abt. »Aber zuerst will ich die edle Frau in unseren Mauern begrüßen; darum laßt mich vorangehen und folgt mir nach einem Weilchen.« Und sich zu den Laienbrüdern wendend fuhr er fort: »Ihr räumt hier schnell auf und öffnet die Fenster, damit ich die gnädige Frau aus dem ungastlichen Sprechzimmer bald hierher führen kann.«